Die Geburt und das neugeborene FohlenManagement im Züchterstall

Autor: Dr. Peter Richterich

Fohlenverluste haben neben der generellen Fruchtbarkeitsleistung der Stute einen wesentlichen Anteil auf die Wirtschaftlichkeit der Pferdezucht. Nach nationalen und internationalen Untersuchungen liegen Fohlenverluste in den ersten zehn Tagen bei etwa acht Prozent: Durch ein gutes Management im Züchterstall kann man aber die Verluste im eigenen Stall deutlich reduzieren.


Funktionell wird die Aufrechterhaltung der Trächtigkeit durch den Mutterkuchen (Plazenta) gesteuert. Die fetale Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) schüttet das Hormon ACTH aus, welches die Synthese von trächtigkeitserhaltenen Hormonen (Pregnolonon und Prostagene) induziert. Mittels Diffusion werden diese Hormone in den mütterlichen Blutkreislauf übermittelt, so bleibt die Trächtigkeit erhalten. Durch enzymale Umstellung im Pferdefetus zum Ende der Trächtigkeit ändert sich die hormonelle Zusammensetzung im mütterlichen Blutkreislauf und die geburtnahe Phase wird etwa einen Monat vor der Geburt eingeleitet. Dies bedeutet, dass der reife Fetus den Geburtsbeginn steuert (Abb. 1). Hierdurch kommt es zu einer Reduktion der Prostagene im mütterlichen Blutkreislauf, verbunden mit einem Anstieg von Oxytocin und Prostaglandinen. Durch diese Umstellung der hormonellen und nervösen Faktoren kommt es zu Auflockerungs- und Dehnungsprozessen in der Muskulatur und im Bindegewebe, sowie zur Euteranbildung etwa drei bis sechs Wochen vor der Geburt. Dieses Vorgänge und die gleichzeitigen Umbauprozesse der Gebärmutterwand ermöglichen unter der Geburt eine geregelte Kontraktionsfähigkeit (Wehe) und damit die Austreibung der Frucht. Zum Schutz des weiblichen Genitaltraktes kommt es zur Ödematisierung der Beckenbänder, des Gebärmuttermundes, des Gebärmutterhalses und der Schamlippen, teilweise kann es auch zusätzlich zu einem Unterbauchödem kommen.

Geburt

Nach etwa 335 ± 15 Tagen steht die Geburt an. Kennzeichen sind Formierung der Zitzen, an den Zitzenöffnungen bilden sich Harztropen (Praekolostrum) und durch den Milcheinschuss unmittelbar vor der Geburt fangen die Zitzen an zu glänzen. Die Stute zeigt in dieser Zeit Unruhe, sie läuft umher und legt sich hin. Durch die Unruhe kommt es zu vermehrtem Schwitzen in der Flanke, teilweise sind auch seitliche Schweifhaltung zu beobachten.
   
Die Geburt ist ein dynamischer Prozess, der weiche Geburtsweg wird vorbereitet um die Frucht austreiben zu können. Physiologisch kommt ein Fohlen in Vorderendlage (Kopf und Vordergliedmaßen), oberer Stellung (Wirbelsäule des Fetus zur Wirbelsäule der Mutter gerichtet) und gestreckter Haltung (keine Beugung in den Gelenken) zur Welt (Abb. 2) zur Welt. Die Geburt wird in drei Phasen unterteilt, die Öffnungsphase (Stadium I), sie dauert etwa 12 bis 18 Stunden; in der eigentlichen Geburtsphase (Stadium II) kommt es zu schnellen Austreibung mit einer Dauer von 7 bis 35 Minuten, ihr folgt die Nachgeburtsphase (Stadium III; 15 bis 45 Minuten).Fehlerhafte Lagen, Stellungen oder Haltungen führen zu Geburtsstörungen. Aber auch von Seiten der Stuten können Faktoren auftreten, die zu einer Stockung der Geburt führen. Etwa vier Prozent aller Geburten sind gestört, wie Untersuchungen aus der Vollblutzucht zeigen. Die Risikofaktoren bei Pferdegeburten sind die schnelle Austreibungsphase, die relativ langen Gliedmaßen und die lange Halsung im Vergleich zu allen anderen Haustieren und der schnelle Fruchttod bzw. die gesteigerte Gefahr von vaginalen Verletzungen. Aus diesem Grund ist eine Geburtsstörung beim Pferd immer ein Notfall. Verschiedene Systeme wie eingenähte Sender, die auf Dehnung des weichen Geburtswegs basieren, oder befestigte Gurte bzw. Halfter, die auf Positions- und Leitfähigkeitsänderungen reagieren, sollen auf den kritischen Zeitpunkt der Geburt aufmerksam machen. Jedes Verfahren hat Vor- und Nachteile und ist abhängig von der persönlichen Erfahrung der Anwender. Jedoch können Fohlenverluste durch die moderne Technik oder ständiger Wachsamkeit in der Austreibungsphase erfolgreich reduziert werden.

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Harztropfen und Glanz der Zitzen zeigen die Geburt an (Foto: Peter Richterich)

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Unruhe und vermehrtes Liegen sind Anzeichen einer bevorstehenden Geburt (Foto: Peter Richterich)

Nachgeburtsphase

Der Abgang der Nachgeburt (fetaler Anteil der Plazenta) beendet vollständig die Geburt. Physiologisch sollte dieses spätestens zwei Stunden nach der Fruchtgeburt erfolgen sein, alles andere ist klinisch eine Nachgeburtsverhaltung. Diese ist ein Notfall und muss zeitnah behandelt werden. Gefahr einer Geburtsrehe durch Giftstoffe, die in die Blutbahn gelangen, besteht. Schon bei kleinen Resten, die in der Gebärmutter verbleiben, ist dieses möglich, so dass die Nachgeburt kontrolliert werden sollte. Dieses ist zum einen möglich durch Befüllung mit Wasser oder durch Auslegen der Nachgeburt, so dass vor allem die Hornspitzen auf Vollständigkeit untersucht werden können. Um Störungen in der Phase der Gebärmutterrückbildung frühzeitig zu erkennen, sollte bei den Stuten mindestens einmal täglich die Temperatur gemessen, die Hufe auf vermehrte Wärme und an den Beinen auf eine Pulsation der Mittelfussarterie geachtet werden. Ziel dieser Maßnahmen ist es Störungen frühzeitig zu erfassen und zu therapieren - nur so kann eine Leistungsfähigkeit der Stute (Milchproduktion und Fruchtbarkeit in der folgenden Saison) gewährleistet werden.


Erstversorgung des Fohlens

Die Vitalitäts-Beurteilung von Neugeborenen stammt ursprünglich aus der Humanmedizin, hier ist besonders Dr. Virginia Apgar (1909 – 1974) zu erwähnen. Sie entwickelte aus Herzfrequenz, Atemanstrengung, Reflexen, Muskeltonus und Farbe des Säuglings den APGAR-Score. Für Fohlen als Nestflüchter sind diese Parameter jedoch nicht übertragbar. Aus diesem Grund wurde an der Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie der Justus-Liebig Universität Giessen ein zweiteiliges Vorsorgeschema entwickelt.


Im ersten Abschnitt werden die Vitalparameter in den ersten 60 Minuten nach der Geburt beurteilt. Innerhalb dieser Zeit findet eine kritische Umstellung des Herz-Kreislauf-Apparates und des Atmungstrakts von intra- auf extrauterine Umwelt statt. Das Fohlen wurde bislang passiv durch die Mutterstute versorgt und muss dieses nun selbstständig und aktiv innerhalb weniger Sekunden durchführen. Störungen in dieser Zeit führen zu Schädigungen des Zentralennervensystems oder zum Tode des Fohlens. Die Atmung wird intensiviert, wenn sich das Fohlen in Brust-Bauch-Lage befindet, eine Seitenlage erschwert eine normale Lungenentfaltung. Auch eine Schnappatmung sind Anzeichen von einer gestörten Adaptation an die Umwelt.

Frühe Aufstehversuche und sicheres Stehen innerhalb der ersten 60 Minuten sind Signale eines normalen Muskeltonus und funktioneller Koordination. Verharrt das Fohlen in Seitenlage oder ist ein sicheres Stehen nicht möglich, kann dies auf Unreife oder andere Entwicklungsstörungen hindeuten. Nur durch sicheres Stehen des Neugeborenen ist eine Eutersuche und damit eine zeitnahe Kolostrumaufnahme möglich. Da bei Pferden keine Antikörper der Mutterstute durch die Plazenta in das Fohlen übergehen können, ist diese erste Milchaufnahme von größter Wichtigkeit, nur so kann sich eine lokale und generelle Immunität ausbilden. Für die Fälle in denen kein Kolostrum vorhanden ist – Stute verstorben oder keine ausreichende Milchproduktion – müssen Ersatzprodukte oder Kolostrum einer Ammenstute verwendet werden. Hierzu gibt es entweder Ergänzungsfuttermittel mit Antikörperanteilen oder man verwendet eingeforenes Kolostrum der letzten Fohlenperiode, welches langsam aufgetaut wird. Die Biestmilch stimuliert zusätzlich die Darmaktivität und damit den Abgang von Darmpech. Nach beobachteter Kolostrumaufnahme und erster Nabeldesinfektion mit alkoholischer Jodlösung sollte man die Stute und das Fohlen in Ruhe lassen und die Mutter-Kind-Bindung nicht stören.


Am nächsten Morgen muss eine Erstversorgung des Fohlens erfolgen. Hierzu gehört die Kontrolle des Reifegrads des Fohlens, des Nabels, des Darmpechabgangs und die Feststellung, ob Missbildungen vorliegen. Durch eine Klistriergabe kann der Mekoniumabsatz gefördert werden und ist beim Hengstfohlen auch zweimalig im Abstand von 6 bis 8 Stunden zu empfehlen. Hengstfohlen haben ein deutlich engeres Becken als Stutfohlen, was den vollständigen Abgang erschweren kann. Eine zusätzliche Gabe eines Paraimmuninducers und eines Tetanusserums steigern zusätzlich die Abwehrleistung des Fohlens.

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Dynamischer Geburtsprozess: Die Fruchtblase mit den Vorderfüßen erscheint... (Foto: Peter Richterich)

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... das Fohlen ist komplett ausgetrieben und noch von den Fruchthüllen bedeckt (Foto: Peter Richterich)

Umgang mit Maidenstuten

Maidenstuten stellen vielfältig ein Problem da: Sie wollen entweder den Euterkontakt nicht oder drehen sich aus Interesse dem Fohlen hinterher, so das ein Aufsuchen des Euters nicht für das Fohlen nicht möglich ist. Hier sind Sie als Züchter gefragt! Gewöhnen Sie mit ausreichende Ruhe und frühzeitig die Stute daran, dass eine Berührung im Euterbereich nichts Unangenehmes ist. Dieses wird umso schwerer, je gespannter und druckempfindlicher das Euter durch die erstmalige Milchproduktion ist. Sollte die Stute dennoch eine Abwehrbewegung dem Fohlen gegenüber durchführen, ist es ratsam, die ersten Strahlen abzumelken, um den übermäßigen Druck und damit einhergehendes Unwohlsein zu mindern. Stuten, die mit dem Fohlen mitwandern, sollten kurz und parallel zur Boxenwand festgebunden werden. Eine weitere Hilfsperson sorgt sich um das Fohlen und eine zielgerichtete Milchaufnahme.
Nur durch konsequente Bemühungen kann eine funktionierende Mutter-Kind-Beziehung einschließlich Tränkeversorgung gewährleistet werden.

Weitere Fohlenbetreuung

Der zweite Abschnitt des Giessener Vorsorgeschemas befasst sich mit Fohlen im Alter von 6 bis 24 Stunden. Das Fohlen sollte in dieser Zeit eine sichere Koordination seiner Gliedmaßen sowie seines Körpers haben und auch eine geregelte Bewegung, nur so ist eine weitere Milchaufnahme möglich. Störungen können auf Missbildungen im Gehirn oder auf ein Infektionsgeschehen hinweisen. Bei Infektionen wäre zeitgleich die Temperatur erhört. Eine regelmäßige Temperaturmessung zwei Mal täglich in den ersten zehn Tagen ist ein geeignetes Gesundheitsscreening für das neugeborene Fohlen. Innerhalb der ersten 8 Stunden sollte außerdem erstmalig der Abgang von Milchkot (ockerfarben und weich) und Urin zu sehen sein.