Titelbild: MSD

Die frühe Trächtigkeit bei der Stute – was der Züchter wissen sollte

 

Eine Trächtigkeit ist keine Krankheit und grundsätzlich kann eine tragende Stute wie jedes andere gesunde Pferd gefüttert, behandelt und zumindest in der ersten Trächtigkeitshälfte auch trainiert werden. Selbst unter optimalen Bedingungen sind Frühträchtigkeitsverluste bei Stuten jedoch nicht immer zu vermeiden. Bei jungen gesunden Stuten treten sie bei etwa 5% der Trächtigkeiten auf, bei älteren Stuten sogar bis zu einem Ausmaß von 20%.  Dabei ist die Phase bis Tag 40 nach dem Eisprung besonders sensibel, weil einerseits die Verbindung zwischen der Gebärmutter der Stute und der heranwachsenden Frucht noch wenig stabil ist, andererseits die Ausbildung der Organanlage der Frucht während dieser Zeit stattfindet.

Die Trächtigkeitsuntersuchung

Der Zeitpunkt der Trächtigkeitsuntersuchung durch den Tierarzt sollte so angesetzt werden, dass bei Nichtträchtigkeit der Stute eine Wiederbelegung in der folgenden Rosse durchgeführt werden kann. Neben der tierärztlichen Aussage, ob eine Stute tragend und die Trächtigkeit normal entwickelt ist, gehört auch stets der Ausschluss von Zwillingen mit zur Diagnose. Die Ultraschalluntersuchung vom Mastdarm aus (d.h. transrektal) ist aus heutiger Sicht als Methode der Wahl für die Trächtigkeitsuntersuchung beim Pferd anzusehen. Eine Schä-digung der Frucht ist nicht zu erwarten. Wichtig ist aber, dass die Stute zur Verhinderung von Abwehrmaßnahmen ausreichend gesichert ist. Dies geschieht am besten in einem Untersu-chungsstand. Grundsätzlich ist auch eine Sedierung bei unkooperativen Stuten möglich, ohne dass dies zur Schädigung einer möglicherweise vorhandenen Frühträchtigkeit führt.

Üblicherweise wird die Ultraschalluntersuchung zur Feststellung einer Trächtigkeit am besten an Tag 17 oder 18 nach dem Eisprung durchgeführt. Dann ist die Diagnosesicherheit sehr hoch. Ist bekannt, dass eine Stute einen doppelten Eisprung (Doppelovulation) hatte oder zu Zwillingsträchtigkeiten neigt, sollte die Ultraschalluntersuchung bereits an Tag 14 oder 15 nach dem Eisprung durchgeführt werden. Dieser frühe Untersuchungszeitpunkt hat den Vor-teil, dass bei Vorliegen von Zwillingen die Reduktion zu einer Einlingsträchtigkeit durch den Tierarzt risikoarm durchgeführt werden kann. Bei allen Stuten ist es empfehlenswert, zwi-schen Tag 30 und 35 nach der Ovulation eine weitere Trächtigkeitsuntersuchung mittels Ult-raschall durchzuführen, um eventuell unbemerkte Fruchtverluste nachzuweisen. Grundsätz-lich ist mit Hilfe der transrektalen Ultraschalluntersuchung die Trächtigkeitskontrolle ab Tag 14 aber in jeder Phase bis zur Geburt durchführbar.

Bild: foto embryo No. 1

Pferdeembryo, Alter etwa 60 Trächtigkeitstage, alle Organanlagen sind vorhanden

Behandlung von Stuten mit Fruchtbarkeitsproblemen zur Vermeidung von Trächtigkeitsverlusten

Zunehmende Trächtigkeitsverluste bei Stuten in höherem Alter sind vor allem auf chronische Veränderungen der Struktur und Funktion der Gebärmutterschleimhaut zurückzuführen. Sie werden auch als Endometrose bezeichnet. Bei betroffenen Stuten ist der sich entwickelnde Embryo häufig kleiner als bei jungen Stuten und stirbt häufiger ab. Bekommen ältere Stuten bereits ab Tag 5 nach dem Eisprung das Hormonpräparat Regumate (Wirkstoff Altrenogest, Dosierung 0,044 mg/kg Körpergewicht), so wird das Größenwachstum des Embryos geför-dert. Wir konnten nachweisen, dass gerade in der kritischen Phase zwischen Tag 30 und Tag 40 der Trächtigkeit die Embryonen älterer, mit dem Hormonpräparat Regumate behandelter Stuten genauso groß waren wie die junger Stuten. Bei den jüngeren Stuten konnte das Größenwachstum der Frucht durch die Behandlung dagegen nicht weiter gesteigert werden.

Wird Regumate erst ab dem Feststellen einer Trächtigkeit gegeben, sind nur noch wenige positive Effekte zu erwarten. Daher sollte man mit der Behandlung bereits an Tag 5 beginnen und bei Nachweis einer Trächtigkeit an Tag 17/18 und an Tag 40 bis etwa Tag 80 der Trächtigkeit fortführen. Eine Behandlung mit Regumate bis zur Geburt ist dagegen nicht empfehlenswert, weil Fohlen von Müttern, die in der Hochträchtigkeit mit Regumate behan-delt wurden, eine reduzierte Vitalität aufwiesen. Die Behandlung in der Frühträchtigkeit hat dagegen keine negativen Auswirkungen auf die Entwicklung des Fohlens oder seine spätere Fruchtbarkeit.

Bild: Fotos No. 1

Ultraschallbild einer Einlingsträchtigkeit an Tag 18, die Fruchtblase ist als kreisförmige schwarze Fläche erkennbar

Bild: Fotos No. 2

Zwillingsträchtigkeit an Tag 16: die Fruchtblasen liegen direkt nebeneinander

Tierärztliche Maßnahmen bei Stuten in der Frühträchtigkeit

Aufgrund der erhöhten Sensibilität der Trächtigkeit in den ersten sechs Wochen sollten tier-ärztliche Routinemaßnahmen wie Entwurmungen, Impfungen oder z.B. eine Zahnkontrolle und –sanierung  besser entweder vor der Belegung durchgeführt werden oder auf den Zeit-raum nach den ersten sechs Trächtigkeitswochen verschoben werden. Viele Medikamente und z.B. auch Wurmpräparate, die beim Pferd eingesetzt werden, sind auf eine eventuelle Schädlichkeit für den Embryo nicht getestet, so dass man auf ihren Einsatz in der frühen Trächtigkeit besser verzichtet. Das ist auch in der Packungsbeilage der entsprechenden Präparate vermerkt.

Kommt es in der frühen Trächtigkeit zu einer Erkrankung oder Verletzung der Stute, die tier-ärztliche Maßnahmen erfordert, können und sollten diese wie bei jedem anderen Pferd durchgeführt werden. Eine eventuell notwendige Sedierung oder gar Vollnarkose in der Trächtigkeit gefährdet die Frucht in der Regel nicht. Starke Entzündungsreaktionen, Fieber-schübe oder gar ein mehrtägiges Hungern der Stute in der Trächtigkeit können dagegen zur Störung der trächtigkeitsunterstützenden Hormonfreisetzung beitragen und damit das Über-leben des Embryos gefährden. Daher sollten insbesondere bei Koliken, fieberhaften Erkran-kungen oder Verletzungen schmerz- und fiebersenkende Präparate in ausreichender Dosie-rung eingesetzt werden, um einen Trächtigkeitsverlust zu vermeiden.  

Vermeidung von Stress für Zuchtstuten?

Immer wieder stellt sich die Frage, ob Stress z.B. durch Transporte von Zuchtstuten zu einer reduzierten Fruchtbarkeit beitragen kann, weil der Eisprung verhindert wird oder es durch den Rücktransport von Stuten nach der Besamung in den Züchterstall zum Verlust der Früh-trächtigkeit kommt. Bei Stuten, die in der Rosse über 800km (12 Stunden) transportiert wur-den, konnte gezeigt werden, dass sich dieser Transport nicht negativ auf die Fruchtbarkeit auswirkt. Es konnten auch keine hemmenden Einflüsse von Transportstress auf Rossedauer, Rosseverhalten, Zeitpunkt des Eisprungs oder Trächtigkeitsrate nachgewiesen werden. Selbst in der sensiblen Phase der Frühträchtigkeit führte mäßiger Stress nicht zu einem ver-mehrten Auftreten von Fruchtverlusten. Daher kann man rossigen oder frühtragenden Stuten durchaus Transporte zu einer Besamungsstation oder von dort in den Heimatstall zumuten, ohne generell besorgt sein zu müssen, dass ihre Fruchtbarkeit darunter leidet. Gerade bei Problemstuten ist davon auszugehen, dass die Vorteile einer intensiven tierärztlichen Be-treuung in einer Tierklinik oder auf einer Besamungsstation eventuelle Nachteile durch Stress deutlich überwiegen.

Bild: foto 4 No. 1

Größe des Embryos (gemessen per Ultraschall) bei Stuten im Alter zwischen 4 und 8 Jahren, unbehandelten Stuten >8 Jahre und mit Regumate behandelten Stuten >8 Jahre