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Einsatz von Tiefgefriersamen in der Pferdezucht – was der Züchter wissen sollte

Die verschiedenen Arten der Samenaufbereitung bieten sowohl für das Management der Hengste als auch für die Belegung von Stuten eine Vielzahl von Möglichkeiten. Samen kann entweder direkt auf der Besamungsstation des Hengstes verwendet werden („Direktversamung“) oder – nach Zugabe eines sogenannten Samenverdünners als kühl-  bzw. tiefgefrierkonserviertes Erzeugnis verschickt werden. Während bei der Direktversamung die Kühlung des Samens entfallen kann und die Fruchtbarkeit ähnlich gut wie beim Natursprung ist, werden bei Verwendung von gekühltem oder tiefgefrorenem Samen häufig schlechtere Trächtigkeitsraten erreicht. Dies hängt damit zusammen, dass Kühlung und Lagerung die Spermien stets in einem gewissen Ausmaß schädigen und damit deren Befruchtungsfähigkeit reduzieren. Die Konservierung des Samens durch Tiefgefrierung führt aber zu einer deutlichen Verlängerung seiner Befruchtungsfähigkeit, die nach heutigem Wissensstand mehrere 100 Jahre beträgt. Die Samentiefgefrierkonservierung beim Hengst erfährt in den letzten Jahren steigendes Interesse, vor allem weil sie bei Sporthengsten eine gleichzeitige Nutzung in Zucht und Sport ermöglicht, ohne dass eine der beiden Tätigkeiten beeinträchtigt wird. Außerdem entfällt bei Tiefgefriersamen ein Großteil der Probleme, die bei Kühlsamen, der ja innerhalb von 24 Stunden zur rossigen Stute transportiert werden muss, hinsichtlich der Transportlogistik immer wieder auftreten. Tiefgefriersamen kann bereits rechtzeitig vor der Besamung zu einer vom Stutenhalter ausgewählten Besamungsstation oder zum Haustierarzt transportiert werden. Dort kann er in einem Lagercontainer bis zum Einsatz verbleiben, ohne Schaden zu nehmen, und ist dann auch an Sonn- und Feiertagen leicht verfügbar. Mit höheren Kosten verbundene Samen-Expresstransporte entfallen.

Bei der Verwendung von Tiefgefriersamen sind gute Trächtigkeitsraten zu erzielen, wenn einige wichtige Voraussetzungen beachtet werden. Auf der einen Seite ist dies eine optimale Aufbereitung des Samens bei der Herstellung. Grundsätzlich sind aufgrund hengst-individueller Eigenschaften des Samens nur etwa 75% aller Hengste für die Tiefgefrierkonservierung geeignet. Daher muss eine kritische Vorauswahl der Hengste und sogar der einzelnen Ejakulate eines Hengstes erfolgen. Die Anfertigung von Tiefgefriersamen beim Pferd ist mit einem recht hohen Aufwand verbunden und die Ausbeute –z.B. im Vergleich zum Rind – relativ gering. Während man bei einem Bullen aus einem Sprung durchaus 500 Besamungsportionen gewinnen kann, sind es beim Hengst im Mittel gerade einmal acht bis zwölf. Hinsichtlich der Mindestanforderungen, die an eine Besamungsportion gestellt werden, gibt es beim Pferd keine gesetzlichen Regelungen. Es liegen hierfür nur Erfahrungswerte und Empfehlungen vor. Spermiengesamtzahl und -qualität einer Besamungsportion haben aber wesentlichen Einfluss auf deren Fruchtbarkeit und die herstellende Besamungsstation ist letztlich verantwortlich dafür, dass nur Samen von guter Qualität auf den Markt kommt.

Grundsätzlich erfordert die Besamung mit Tiefgefriersamen noch mehr als die mit Frisch- oder Kühlsamen ein sorgfältiges Management und eine wiederholte gynäkologische Untersuchung der Stute. Oft kann dies nur auf einer Besamungsstation oder in einer Klinik erfolgen. Für eine Besamung mit Tiefgefriersamen sollte man daher nur Stuten auswählen, die zum einen  eine gute Fruchtbarkeitserwartung haben, zum anderen aber auch häufige tierärztliche Untersuchungen problemlos tolerieren. Sinnvollerweise sollte durch eine Voruntersuchung zu Beginn der Zuchtsaison oder nach dem Abfohlen abgeklärt werden, ob die Stute diese Anforderungen erfüllt. Es ist auf jeden Fall ratsam, eine Ultraschalluntersuchung sowie eine bakteriologische Untersuchung der Gebärmutterschleimhaut mittels Tupferprobe durchführen zu lassen. Bei älteren Stuten oder solchen mit Problemen in vorherigen Zuchtjahren kann die histologische Untersuchung einer Gebärmutterschleimhautprobe (Biopsie) wertvolle Informationen liefern. Auch wenn die Stute ein gesundes Fohlen zur Welt gebracht hat, kann nicht immer ausgeschlossen werden, dass Gebärmuttererkrankungen vorliegen. So kann z.B. eine chronische Infektion der Gebärmutterschleimhaut ohne äußerlich erkennbare Anzeichen bestehen und die Fruchtbarkeit erheblich einschränken.

Tiefgefriersamen hat aufgrund der Aufbereitung im Geschlechtstrakt der Stute eine wesentlich kürzere Haltbarkeit als Frisch- oder Kühlsamen. Während man bei Kühlsamen von einer Lebensdauer von etwa 48 Stunden ausgeht, liegt diese bei Tiefgefriersamen nach dem Auftauen nur bei etwa 12 Stunden. Die Besamung muss daher möglichst zeitnah am Eisprung (Ovulation) erfolgen, damit die Eizelle auf lebensfähige Spermien trifft. Die Eizelle selbst bleibt nach der Ovulation für etwa 8 bis 12 Stunden befruchtungsfähig. Da aber eine Besamung in 12 Stunden-Intervallen auf der einen Seite wenig ökonomisch ist, da viel zu viele Besamungsportionen pro Rosse verbraucht würden, dies andererseits auch für die Gebärmutter der Stute viel zu belastend wäre, versucht man durch häufige Follikelkontrollen und hormonelle Vorbehandlungen den Zeitpunkt des Eisprunges möglichst genau einzugrenzen. Die Besamung kann bei Verwendung von Tiefgefriersamen durchaus auch kurz nach dem Eisprung vorgenommen werden. Um der Stute allzu häufige Follikelkontrollen zu ersparen, erfolgt daher meist eine sogenannte Ovulationsinduktion, d.h. der Eisprung wird durch eine hormonelle Behandlung innerhalb der Rosse vorgezogen und terminiert. Bei fachgerechter Durchführung ist diese Behandlung sehr erfolgreich und nach neuesten Erkenntnissen hat sie sogar stimulierende Auswirkungen auf die Ausbildung des Gelbkörpers, was sich positiv auf die Trächtigkeitsrate auswirkt. Man geht davon aus, dass bei 90% der Stuten die Ovulation etwa 36 Stunden nach der Injektion des einleitenden Medikamentes eintritt, so dass das Untersuchungs- und Besamungsprotokoll vom Tierarzt entsprechend abgestimmt wird.

In Verbindung mit der hormonellen Einleitung des Eisprunges können bei der Stute etwas häufiger als in nicht beeinflussten Zyklen Doppelovulationen auftreten. Diese sind meist synchron, d.h. die beiden Follikel ovulieren innerhalb von 12 Stunden. Das Vorhandensein von zwei Follikeln kann die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Besamung erhöhen, steigert jedoch auch die Gefahr, dass es zu einer Zwillingsträchtigkeit kommt. Das ist zwar kein Grund, im Falle einer Doppelovulation nicht zu besamen, erfordert jedoch wiederum ein sorgfältiges Management. In solchen Fällen sollte die Trächtigkeitsuntersuchung etwas früher durchgeführt werden als sonst üblich. Während man für eine „normale“ Trächtigkeitsuntersuchung den 17. oder 18. Tag nach dem Eisprung verwendet, sollte bei einer Doppelovulation für die Untersuchung bereits der 14. oder 15. Tag angesetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt kann der Tierarzt zwei eventuell vorhandene Fruchtblasen unter Ultraschallkontrolle erkennen, voneinander trennen und zu einer Einlingsträchtigkeit reduzieren. Wird diese Maßnahme so früh in der Trächtigkeit durchgeführt, entwickelt sich die verbleibende Fruchtblase in der überwiegenden Mehrheit der Fälle normal weiter. In jedem Fall, d.h. auch bei einer normalen Einlingsträchtigkeit sollte bei positiver Trächtigkeitsuntersuchung zwischen Tag 14 und 18 eine Nachkontrolle der Trächtigkeit etwa um Tag 40 nach dem Eisprung erfolgen, um etwaige Frühträchtigkeitsverluste zu bemerken. Beim Pferd kommt es nämlich erst ab Tag 35 nach dem Eisprung zur Entwicklung einer engeren Verbindung zwischen der Frucht und der Gebärmutterschleimhaut, der sogenannten Plazentation. Bis zu diesem Zeitpunkt sind Trächtigkeitsverluste nicht selten und können bei älteren Stuten eine Häufigkeit von bis zu 25% erreichen. Sinnvollerweise erfolgt noch eine abschließende Trächtigkeitskontrolle nach der Weidesaison, um sicherzustellen, dass die Zuchtstute und das zu erwartende Fohlen rundherum gesund sind.

(Prof. Dr. Christine Aurich, Besamungs- und Embryotransferstation, Vetmeduni Wien)