Zwei Mal Gold fĂĽr Hinrich Romeike und Marius

 
Der Jubel war riesengroß: Hinrich Romeike und ­Marius sind Olympiasieger in der Vielseitigkeit. Doch damit nicht genug. Auch die zweite Gold­medaille in dieser Disziplin holte das deutsche Team, dem auch der Großenwieher Peter Thomsen mit The Ghost of Hamish angehörte.

Wir haben noch eine Rechnung offen“, hatte Hinrich Romeike nach der Aberkennung der Mannschaftsgoldmedaille von Athen immer wieder gesagt. Und in ­Hongkong wurde dieser Traum der Vielseitigkeitsreiter nach einer geschlossenen Mannschaftsleistung Wirklichkeit. Dazu trug auch Peter Thomsen bei, dem als erster Reiter des deutschen Teams, das den dritten Startplatz zu gelost bekommen hatte, eine große Verantwortung zu kam. „The Ghost of Hamish ist ein sicheres Geländepferd, deshalb schicken wir ihn als „Kundschafter“ als erstes ins Rennen“, hatte Hans Melzer gesagt. In der Dressur konnten der Fuchs und Peter Thomsen die erwartete Leistung abrufen. Sie wurde, im Vergleich zu anderen Paaren mit 53,3 Punkten etwas streng bewertet. Dennoch war Peter Thomsen „super glücklich“ und nicht verzagt darüber, auf den ersten Startplatz gesetzt worden zu sein. „Wenn die Trainer mi ch rufen, bin ich da. Sie werden sich bei dieser Startaufstellung schon etwas gedacht haben.“ Nach Frank Ostholt mit Mr. Medicott, der mit der Vorstellung seines Pferdes (44,6) „super zufrieden“ war, ging Hinrich Romeike als dritter Deutscher ins Viereck. Es war inzwischen Abend geworden und das Flutlicht eingeschaltet. Marius ging vor rund 18 000 Zuschauern die „Dressur seines Lebens“. Unter Anleitung von Bundestrainer Chris Bartle war die Trabarbeit verbessert worden, im Mitteltrab gab es sogar 8er Noten. „Wir hatten gehofft, dass Marius sich von der Atmosphäre inspirieren lässt“, freute sich Chris Bartle, dem der deutsche Vielseitigkeitssport unendlich viel zu verdanken hat. Ärgerlich waren die eingebauten Zweier-Wechsel auf der letzten Linie. Sie haben einige Zehntel gekostet, so dass am Ende 37,4 Punkte zu Buche standen. Das bedeutete zunächst Rang sieben für das Holsteiner Paar. Andreas Dibowskis Heraldik xx-Sohn Leon hatten die Trainingseinheiten in der Quarantänezeit gut getan. Mit 39,6 Punkten konnten auch sie die 40-Punkte-Marke knacken. Wenngleich sich Ingrid Klimkes Abraxxas ein wenig von den im Viereck herum fliegenden Vögeln beeindrucken ließ, ritt sich die gerade 40 Jahre alt gewordenen Tochter des fünffachen Olympiasiegers Dr. Reiner Klimke mit 33,4 Punkten auf den dritten Platz hinter der Belgierin Karin Donckers mit Gazelle de la Brasserie (31,7) und Lucinda Fredericks. Die Australierin bestach auf Headley Britannia, mit gerade mal 1,60 m eines der kleinsten 20 Pferde dieser Prüfung, durch äußerst präzises, punktgenaues Reiten. Sie kam mit 30,4 Punkten aus dem Viereck, das zweitbeste Ergebnis, das je in einer Vielseitigkeitsdressur erzielt worden war. „Ich habe unseren Reitern gesagt, dass sie nicht enttäuscht sein sollen, wenn sie nach der Dressur nicht in Führung liegen“, meinte Chris Bartle nach dem zweiten Platz hinter den Australiern, die sich den letzten Feinschliff für das Viereck bei dem ehemaligen Bundestrainer der deutschen Dressurreiter, Harry Boldt, geholt hatten.
Am Abend vor dem Gelände wurden die Pferde, eskortiert von der Polizei, nach Bea's River verladen. Dort, im hügeligen Gelände des Golf- und Country-Clubs hatte der Brite Mike Etherington-Smith einen Kurs gebaut, der im Vorfeld vielen Bauchschmerzen bereitet hatte. Es war vor allem die Trassenführung, die Sorgen machte. Kaum ein Hindernis war gerade anzureiten. Die 29 Sprünge mit 39 zu überwindenden Elementen folgten Schlag auf Schlag. Die Pferde hatten es schwer, ihren Rhythmus zu finden. Es gab keine längeren Galoppstrecken, so dass sich keine Gelegenheit fand, Zeit aufzuholen. „Über die Zeit wird sich das Gelände“ entscheiden, darin waren sich alle sicher. Als „Pfadfinder“ ging der Neuseeländer Mark Todd mit Gandalf auf die Strecke. „Das war das Beste, was an diesem Tag passieren konnte“, sagten alle, denn der zweifache Olympiasieger von 1984 (Atlanta) und 1988 (Seoul), der sich vor einem Jahr zu einem Comeback entschlossen hatte, zeigte, dass die gestellten Anforderungen durchaus machbar waren. Mit einer sicheren, nicht allzu schnellen Runde kam er ins Ziel. Allerdings wählte der inzwischen 52-Jährige am vorletzten Hindernis - einer sehr schräg versetzten Doppelhecke mit davor gebauten Gräben, die Alternative. „Ich wollte eine ­sichere Runde für das Team hinlegen“, sagte er anschließend. Diese Heckenkombination wurde Peter Thomsen zum Verhängnis, der bis dahin eine hoch konzentriert gerittene Runde hingelegt hatte. „Ich hatte die Order, den geraden Weg zu reiten, wenn die Zeit knapp wird“. Am zweiten Element sah The Ghost of Hamish seine Chance, vorbei zu laufen. Nachdem Frank Ostholt mit Mr. Medicott, ein Sohn des ehemaligen international erfolgreichen Iren Cruising, ohne Hindernisfehler ins Ziel gekommen war, wurde als nächster Deutscher Hinrich Romeike mit Marius auf den Kurs geschickt. Und Marius ging mit gespitzten Ohren wie an der Perlenschnur gezogen. An keinem Hindernis wurden Sekunden verschenkt. Das spiegelte sich auch in der Zeit wieder. Nur der Brite William Fox-Pitt mit Parkmore Ed und der Australier Shane Rose mit All Luck waren schneller als das Holsteiner Paar. „Es war der anstrengendste Kurs meines Lebens. Marius hat einen ganz tollen Job gemacht“, freute sich der Nübbeler im Ziel. Auch Ingrid Klimke und Abraxxas bewältigten den Kurs ohne Hindernisfehler. Auf Order der Trainer ritt sie jedoch an der Heckenkombination die sichere Alterna tive, was sie rund 15 Sekunden gekostet haben dürfte. Sie war den Kurs sechs Mal abgegangen. „Ich hatte jeden Stein im Kopf“, erzählte die Münsteranerin, die ihre dritten Olympischen Spiele bestritt. Das deutsche Team hatte drei Reiter mit Hindernisfehler freien Runde im Ziel, daher hatte Chris Bartle Andreas Dibowski mit auf den Weg gegeben, auf „Angriff zu reiten“ und nicht zu viel Vorsicht walten zu lassen. Im Ziel, das er ohne Hindernsfehler erreicht hatte, haderte auch er ein wenig mit der Streckenführung. „Ich musste Leon an jedem Sprung ein wenig herausnehmen, dadurch habe ich etliche Sekunden verloren“, berichtete er. Der Geländetag endete ohne nennenswerte Zwischenfälle, wenngleich nach der Prüfung die Nachricht kam, dass sich Key­master, das Pferd des Schweden ­Magnus Gällerdal, – er war mit 13,6 Zeitstrafpunkten gut ins Ziel gekommen – einen Haarriss hinten links zugezogen hatte und operiert werden musste. Vor dem Springen hatte das deutsche Team (158,1) die Führung übernommen. Kein einziger Springfehler trennte die Fünf von den Australiern (162,0). Der Vorsprung auf die Engländer (173,7) war da schon beruhigender. In der Einzelwertung fanden sich drei Deutsche unter den ersten Zehn wieder: Ingrid Klimke lag auf Rang zwei, Andreas Dibowski auf Rang acht, und die Führung im Gesamtklassement hatte Hinrich Romeike übernommen. Das hatte auch Jörg Naeve, Hinrich Romeikes heimatlicher Springtrainer, zu Hause in Schleswig-Holstein im Fernsehen verfolgt. Nach einem Anruf von „Hinni“ war alles klar: Der Groß Wittenseer, der in Warendorf den Reservereiter der Springreiter, Heinrich-Hermann Engemann, in die Vorbereitung des Holsteiner Paares auf den Parcours eingewiesen hatte, setzte sich in den nächsten Flieger und war am alles entscheidenden Tag in Hongkong.
Die Anspannung stand allen Beteiligten vor dem Springen deutlich ins Gesicht geschrieben. Bundestrainer Kurt Gravemeier war mit im Parcours und gab letzte Tipps, Jörg Naeve schritt konzentriert mit Hinrich Romeike den Parcours ab. Auf der Tribüne wurde jeder Weg, jede Distanz noch einmal genauestens von ihm analysiert und mit seinem Schützling besprochen. Während The Ghost of Hamish und Abraxxas jeweils ein Springfehler unterlief, blieben Mr. Medicott und Leon fehlerfrei. Nachdem bei der Australierin Megan Jones am letzten Hindernis die Stange gefallen war, stand bereits vor Hinrich Romeikes Ritt fest: Deutschland hat Teamgold gewonnen.
Auf Wunsch des IOCs werden seit den Olympischen Spielen in Athen keine Einzelmedaillen mehr aus Mannschaftswettbewerben vergeben. Deshalb müssen die besten 25 Pferde im Kampf um die Einzelmedaillen noch einmal antreten. Da nur drei Reiter pro Nation startberechtigt sind, war der an achter Stelle liegende Frank Ostholt nicht mehr mit dabei. Trotz der bereits gewonnenen Goldmedaille war der Warendorfer zu Recht ärgerlich: „Es freut mich zwar für für die Anderen, aber ich denke ich hätte eine gute Chance auf eine Medaille gehabt.“ Mit zwei Abwürfen vergab Ingrid Klimke ihre Chance auf eine Einzelmedaille. Andreas Dibowski, bis dahin gut unterwegs, mag sich von den angesichts der knapp werdenden Zeit ertönenden Pfiffe irritiert gefühlt habe. Er erhöhte sein Grundtempo und prompt folgten zwei Abwürfe, so dass seine durchaus berechtigte Hoffnung auf eine Einzelmedaille dahin war. Die strafpunktfreien Runden der späteren Silber- und Bronzemedaillengewinnerinnen Gina ­Miles (USA/McKinlaigh) bzw. Tina Cook (GBR/Miners Frolic) erhöhten den Druck auf Hinrich Romeike, der im ersten Umlauf einen Abwurf hatte, immens. Mit einem Versehen von Marius wären alle Medaillenträume ausgeträumt gewesen. Der Schimmel sprang keinen Zentimeter höher als er musste. Für die Zuschauer war es reiner Nervenkitzel. In der letzten Linie mit einer zweifachen Kombination kam er bedenklich an die Stangen. Doch alles blieb liegen, und Hinrich Romeike konnte sich als Olympiasieger feiern lassen. „Wenn es einer verdient hat, dann ist das Marius“, freute sich nicht nur Bettina Hoy, die den deutschen Reitern tapfer die Daumen gehalten hatte. Was für ein Erfolg für die deutschen Reiter, die auf Platz eins, Platz fünf (Ingrid Klimke), Platz acht (Andreas Dibowski), Platz 25 (Frank Ostholt) und Platz 37 (Peter Thomsen) landeten. Und was für ein Erfolg für ein Erfolg für die beiden Trainer, Hans Melzer und Christopher Bartle, die immer an „ihre“ Reiter geglaubt haben.
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Hongkong
Holsteiner Pferde bei den Olympischen Spielen


SPRINGEN
Australien

Leconte v. Lasino-Contender (Züchter Manfred Kummetz, Krummesse) – Matt Williams

Belgien
Cumano v. Cassini I-Landgraf I (Willi Lührs, Neumünster) – Jos Lasink

Brasilien
Chupa Chup v. Caretino-Calato (Hinnerk Clausen, Loit) – Bernardo Alves

Canada
In Style v. Acord II –Lord (Hans Paulsen, Arlewatt) – Ian Millar

China
Coertis v. Coriano-Locato (ZG Paulsen, Oldersbek) – Bin Zhang

GroĂźbritannien
Corlato v. Corofino-Locato (Anke Staben, Albersdorf) – Tim Stockdale
Russel v. Corofino – Lincoln (Johann Jürgens, Marne) – Nick Skelton

Deutschland
Cöster v. Calato-Constant (Werner Lattreuter, Hannover) – Christian Ahlmann

In Holstein gekört:
Cornet Obolensky v. Clinton-Heartbreaker – Marco Kutscher

HKG
Can Do v. Chambertin-Calypso (Helmut Gerken, Lasbek) – Kenneth Cheng

Japan
California v. Calido I-Condrieu xx (Christian Erichsen, Breklum) – Taizo Sugitani

Saudi-Arabien
Caruso v. Caretino-Capitol I (Regina Rühmann, Quickborn) – Adnan Al Baitony

Mexiko
Chinobampo Lavita v. Coriano-Cassini I (Heike Petersen, Ahrenviöl) – Alberto Michan

Niederlande
Eurocommerce Monaco v. Locato-Romino (Uwe Marx, Schafstedt) – Gerco Schröder

Norwegen
Casino v. Cash-Lord (Jo Albers, Niederlande) – Morten Djubvik
Le Beau v. Lasino-Coriolan (Ernst Krutzinna, Ahrensbök) – Stein Endresen
Cattani v. Corrado I-Silvester Jürgen Hattebuhr, Winsen) – Geir Gulliksen
Camiro v. Cassini I-Lord (Peter Diederichsen, Borgsum/Föhr) – Tony André Hansen

Ukraine
Magic Bengtsson v. Landos-Lagretto (Jakob Arfsten, Oldsum/Föhr) – Björn Nagel

USA
Carlsson vom Dach v. Cassini I-Grundyman xx (Heinrich Horstmann, Tarp) – Will Simpson

DRESSUR
Korea

Cinque Cento v. Cambridge-Liostro (Kai Gerken, Lasbek) – Choi Jun-Sang

VIELSEITIGKEIT
Deutschland

Marius v. Condrieu xx-Laurin (Hans-Werner Ritters, Krumstedt) – Hinrich Romeike

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