Vier Medaillen für die Holsteiner Zucht

 

Mit vier Medaillen für das Holsteiner Zuchtgebiet endeten die Europameisterschaften der Springreiter in Mannheim: Mannschaftsgold für Eurocommerce Berlin, Mannschaftssilber für Cöster, Mannschaftsbronze für Locarno und am letzten Tag Einzelsilber für Cumano.

 

Die Europameisterschaften der Springreiter gehören der Vergangenheit an. Die sportlichen Voraussetzungen für die Rekordanzahl von 82 Teilnehmer aus 23 Nationen waren hervorragend. Das traf nicht ganz für die Zuschauer zu, die bei hohen Eintrittspreisen außer den Championatsspringen wenig geboten bekamen. Es gab viel Leerlauf während der Turniertage. Das war allerdings nicht nur den Veranstaltern zuzuschreiben, sondern der FEI, die z. B. nicht zugelassen hatte, dass die am Championat teilnehmenden Reiter auch im CSI starten. Nur die aktuellen Medaillengewinner und die drei Erstplatzierten des letzten Weltcupfinales waren startberechtigt.

 

Mannschaftsentscheidung

Es war ein herzzerreißender Anblick, als Marcus Ehning bei der Mannschafts-Siegerehrung seine Tränen des Frustes und der Enttäuschung nicht mehr zurückhalten konnte. Am Einsprung der dreifachen (Deutschland)-Kombination hatte seine Küchengirl ihre Mitarbeit versagt. So, wie schon in den beiden Springen zuvor. „Wir wollen die minimale Chance nutzen“, hatte Dr. Michael Rüping, Mitglied des DOKR-Springausschusses, vor dem entscheidenden zweiten Umlauf den nochmaligen Einsatz Marcus Ehnings erklärt. Wenn es nach diesem gegangen wäre, hätte er die Stute gar nicht mehr gesattelt. „Ich will eigentlich nicht mehr reiten, aber für die Mannschaft muss ich es wohl machen“, sagte der Borkener, der sich nach seinem Scheitern stets tapfer den Fragen der Journalisten gestellt hatte. „Es gab im Vorfeld keine Warnung, weder im Trainingslager noch auf dem Abreiteplatz“, sagte der ratlose Reiter.

Trotz der beiden Nullrunden von Ludger Beerbaum, der nach dem krankheitsbedingten Ausfall (Thrombose) seines gemeinten EM-Pferdes Couleur Rubin noch einmal auf den inzwischen 16-jährigen Goldfever gesetzt hatte, und Meredith Michaels-Beerbaum mit Shutterfly blieb für das deutsche Team „nur“ die Silbermedaille. Christoph Ahlmanns Cöster hatte im zweiten Umlauf gepatzt - ausgerechnet am MVV Energie-Oxer, dem Sprung des Hauptsponsors. Auf die Frage, was er nach diesem Abwurf gedacht habe, antwortete Christian Ahlmann nur: „So eine Sch...“.

Wie schon in Aachen stand die holländische Mannschaft auf dem obersten Treppchen. An diesem Erfolg waren wieder die „golden boys“ aus Aachen beteiligt. Allerdings war Piet Rajmakers durch den jungen Vincent Voorn ersetzt worden. Der 23-jährige Sohn des Silbermedaillengewinners von Sydney, Albert Voorn, war nach drei Wertungsprüfungen der beste seines Teams gewesen. Er sitzt erst seit neun Jahren im Sattel, vorher hatte er beim PSV Eindhoven Fußball gespielt. Nicht ganz so frisch wie noch bei den Weltreiterspielen in Aachen sprang Eurocommerce Berlin. Dem Schimmelhengst unterliefen unter Gerco Schröder im zweiten Umlauf zwei Abwürfe.

„Wir sind gekommen, um uns für Hongkong zu qualifizieren,“ freute sich Derek Ricketts, der Teamchef der englischen Mannschaft. „Mit der Bronzemedaille hat das noch getoppt“. Ein „Immigrant“ - der Südafrikaner David McPherson, der auf dem im vergangenen Jahr von Björn Nagel gerittenen Pilgrim saß - und drei Mitglieder der Familie Whitaker - John, Michael und Ellen - bestückten das britische Team, das nach neunjähriger Abstinenz wieder auf dem Treppchen stand. Die 21-jährige Nichte der routinierten Whitaker-Brüder war nach den drei Umläufen die Beste ihres Teams gewesen. Sie saß im Sattel des Holsteiner Hengstes Locarno, der fünfjährig über die PSI-Auktion in englischen Besitz gewechselt war.

Die viertplatzierten Schweizer hatten bereits in Aachen die olympische Qualifikation geschafft. Für den amtierenden Weltcupsieger Beat Mändli, dessen Ideal du Thot sich beim Aufwärmspringen verletzt hatte, war Pius Schwizer mit der famosen Nobless M, Halbschwester zu Come On, ins Team gekommen, die, so der Reiter beim CSIO in Aachen, eigentlich erst in Hongkong ihren ersten internationalen Championatseinsatz haben sollte. Die mit viel Herz springende neunjährige Schimmelstute hatte leider im zweiten Umlauf zwei Abwürfe, so dass sie nicht mehr ins Einzelfinale kam. Das Ticket für Hongkong ersprangen sich mit den Plätzen fünf und sechs die Teams aus Schweden und Norwegen. Nach einem enttäuschenden 67. Platz im Zeitspringen, ging Rolf Göran Bengtssons Ninja La Silla zwei makellose Runden im Nationenpreis, was dem Paar den Einzelsieg in dieser Prüfung brachte. Das Überraschungsteam der EM schlechthin waren sicherlich die Norweger, die sich in den vergangenen Monaten mit hervorragenden Pferden aufgerüstet haben. So wie Geir Gulliksen, der Ludger Beerbaum’s WM-Pferd L’Espoir gekauft hatte, und Stein Endresen, der Anfang des Jahres Le Beau - vermittelt von Dirk Ahlmann und Geir Gulliksen - unter den Sattel bekam. Dieser war bis dahin unter Dirk Schröder beständig erfolgreich auf deutschen Turnierplätzen unterwegs gewesen. „Er war nicht wirklich auf dem Markt. Aber die Anfragen wurden immer konkreter und Bundestrainer Kurt Gravemeier hat mir zu verstehen gegeben, dass für das deutsche Team kein wirkliches Interesse besteht“, erzählte Dirk Schröder. Le Beau gehörte ebenso wie Bessemeinds Casino unter dem in Holland stationierten Morten Djubvik zu den Pferden, die zwei Mal ohne Abwurf im Nationenpreis blieben. Die Nachricht, dass das norwegische Team, zu dem noch Tony André Hansen mit Camiro gehörte, sich für Hongkong qualifiziert hatte, schaffte es sogar als wichtigste Top-Meldung in die heimische Tagesschau.

Zu den Nationen, die sich nicht für Olympia qualifizieren konnten, gehörten die Italiener, Spanier, Franzosen, die erstmalig seit Austragung der Reitwettbewerbe nicht dabei sein werden, und die Dänen. „Wir haben davon geträumt, mit in die zweite Runde einzuziehen und uns vielleicht für Hongkong zu qualifizieren“, sagte der dänische Equipechef Achaz von Buchwaldt, der allerdings neben Thomas Velin drei Championatsneulinge im Team hatte. Darunter auch Linnea Ericsson und Lars Bak Andersen mit ihren Holsteinern Cordivo und Con Air, der im Zeitspringen und im ersten Umlauf trotz seiner drei bzw. zwei Abwürfe seine großen Möglichkeiten offenbarte.

 

Einzelentscheidung

Meredith Michaels-Beerbaum und Shutterfly sind die neuen Europameister. Die gebürtige US-Amerikanerin hatte als letzte Starterin im zweiten Umlauf der dritten Wertungsprüfung die Nerven behalten und eine makellose Nullrunde hingelegt. „Ein Traum ist wahr geworden. Shutterfly hat sich noch nie so gut angefühlt. Er hat mir so großes Vertrauen gegeben, dass ich den letzten Ritt richtig genießen konnte“, strahlte die Siegerin nach ihrem Ritt. Auch der amtierende Weltmeister Jos Lansink war mit seinem zweiten Platz auf Al Kaheel Cavalor Cumano, der in diesem Jahr bislang nur fünf Turniere gegangen war, mehr als zufrieden. „Er sprang an allen Tagen vom Allerfeinsten. Man kann ihm nicht übel nehmen, dass er nicht der Allerschnellste ist“. Auch Ludger Beerbaum freute sich über seine Bronzemedaille, wenngleich Goldfever sich vor seinem Fehler vielleicht durch eine an der Bande mitfahrende Fernsehkamera hatte irritieren lassen.

Nicht nur das Team überraschte in Mannheim, auch Stein Endresen und Morten Djupvik aus Norwegen, Namen die bislang nur Insidern bekannt waren, schlugen sich im Einzelfinale bravourös. Vor allem Morten Djupvik, der nach dem ersten Umlauf mit Bessemeinds Casino noch an dritter Stelle in der Gesamtwertung gelegen hatte. Trotz seiner beiden Abwürfe im zweiten Umlauf war der 35-jährige Norweger „super zufrieden“. Den zehnjährigen in Zangersheide gekörten Bessemeinds Casino reitet er seit fünf Jahren. Der Hengst war eigentlich auf dem Markt, nun hat der holländische Besitzer entschieden, ihn, zumindest für die Olympischen Spiele zu halten. Casinos Mutter In To Date v. Lord-Calvados 2, aus der Zucht von Karsten Peter Ketelsen und Elke Mahrt, wurde einst über die Holsteiner Fohlenauktion in Garding nach Holland verkauft.

Pech hatte die vor dem Einzelfinale führende Christina Liebherr aus der Schweiz. Nach einem Abwurf im ersten Umlauf gab sie im zweiten auf, nachdem sie ihren L.B. No Mercy nach einem Rumpler am ersten Element der Dreifachen herausnehmen musste.

„Der Sport hätte nicht dramatischer und spannender sein können“, diesem Fazit von Ludger Beerbaum können sich alle, die in Mannheim dabei gewesen waren, sicherlich anschließen.

 

DvP

 

 

Europameisterschaften 2007

Holsteiner in Mannheim

 

Belgien

Jos Lansink - Al-Kaheel Cavalor Cumano v. Cassini I-Landgraf I (Züchter: Willi Lührs, Neumünster)

 

Dänemark

Lars Bak Andersen - Con Air v. Contender-Carolus I (Ernst Chr. Teegen, Bebensee)

 

Linnea Ericsson - Cordivo v. Corleone-Athlet Z (Gordon Paulsen, Wöhrden)

 

Deutschland

Christian Ahlmann - Cöster v. Calato-Constant (Werner Lattreuter, Hannover)

 

Finnland

Noora Pentti - Evli Cagliostro v. Calando I-Liostro (Dr. Cord Thormählen, Itzehoe)

 

Griechenland

Antonis Petris - Lavaletto v. Lavall II-Fasolt (Johann Wilhelm Clausen)

 

Großbritannien

Ellen Whitaker - Locarno v. Lord Calidos-Romino (Ernst Krüger, Quickborn)

 

Irland

Cameron Hanley - SIEC Kerman v. v. Kilian - Lavall I (Günter Prekuhl, Gehlensiel)

 

Israel

Elad Yaniv - Libberty v. Libertino-Lord (Friedrich Matthiessen, Heide)

 

Niederlande

Gerco Schröder - Eurocommerce Berlin v. Cassini I-Caretino (Josef Unkelbach, Köln)

 

Norwegen

Morten Djupvik - Besseminds Casino v. Cash-Lord (Jo Albers, TE Valthermond, Niederlande)

 

Stein Endersen - Le Beau v. Lasino-Coriolan (Ernst Krutzinna, Ahrensbök)

 

Tony André Hansen - Camiro v. Cassini I-Lord (Peter Diedrichsen, Borgsum/Föhr)

 

Österreich

Stefan Eder - Cartier PSG v. Cantus-Cor de la Bryère (Annelie Voss, Wasbek)

 

Polen

Aleksandra Lusina - Castello v. Calido I-Calypso I (Thies Feil, Kronprinzenkoog)

 

Andrzej Lemanski - Bischof L v. Bachus-Fernando (Johannes König, Boostedt)

 

Portugal

Luciana Diniz - Meautry’s Locarno v. Loran-Lombard (Kurt Willrodt, Brügge)

 

Russische Föderation

Mikhail Safronov - Common Sense v. Candillo-Lord (Karl-Ernst Kruse-Sönke, Kollmar)

 

Vladimir Tuganov - Casio v. Cassini I-Rasputin (Karla Randzio, Westerrönfeld)

 

Rumänien

Radu Ilioi - Horse Gym’s Champagne v. Cento-Joost (Eckhard Kraas, St. Peter-Ording)

 

Schweiz

Pius Schwizer - Nobless M v. Cantus-Landgraf I (Gerd Magens, Ottenbüttel)

 

Ukraine

Björn Nagel - Loriot v. Lavall I-Coriander (ZG Jacobsen, Leipzig)

 

 

 

Europameisterschaften in Mannheim

Meredith Michaels-Beerbaum – neue Besitzerin von EMMA

 

Im Anschluss an die Meisterehrung erhielt die neue Europameisterin der Springreiter, Meredith Michaels Beerbaum, vom ersten Vorsitzenden des Holsteiner Verbandes, Breido Graf zu Rantzau, EMMA, ein Stutfohlen aus dem Land zwischen den Meeren. Die kleine Braune v. Canto-Contender aus der Zucht von Hermann Gloy, Siezbüttel hatte bei ihren kecken Aufritten im Mannheimer Reitstadion stets großen Szenenapplaus erhalten. „Meredith Michaels-Beerbaum hat sich riesig über dieses schöne Fohlen gefreut“, sagte Breido Graf zu Rantzau nach der Übergabe im Mannheimer Reitstadion.

 

 

 

 

 

 

 

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