
Zwei Tage waren kaum genug Zeit, alle Facetten des bunten Reigens zu entdecken, den die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und der Pferdesportverband Schleswig-Holstein (PSH) gemeinsam auf den Landesturnierplatz in Bad Segeberg gezaubert hatten. In 56 Prüfungen blieben keine Fragen offen, was das Leben mit den Pferden außer sportlichen Wettbewerben bieten kann: jede Menge.
Das „Gewusel und Gewiesel“ und den „besonderen Geruch“ schätzten zum Beispiel die Großhansdorferin Inge Radel-Dulding, die zugab, „keine Ahnung von Pferden zu haben“, und auch Anette Henseler aus Rehorst: „Ich gucke, was es außer Springen und Dressur noch alles gibt.“ „Schön“, urteilte ihr dreijähriger Sohn Benjamin. Ein paar Meter weiter wärmten sich die Voltigierkinder vom Reit- und Fahrverein Nutteln auf. „Pettersson und Findus“ war das Thema, das die fünf- bis achtjährigen Minis in selbst gebastelten Kostümen unter der Regie von Longenführerin Annika Dechau aufs Pferd Moritz brachten. Sie ernteten begeisterten Applaus für ihre Schritt-Kür.
Hanja Kramer, Nachwuchs-Westernreiterin, hatte „seit drei Tagen nicht geschlafen“, wie sie verriet. Ihr Auftritt mit Stute Anna in den Western-Disziplinen „Pleasure“ und „Walk and Trot“ war ihr erster auf einem Breitensportfestival. Ausgerichtet hat die Schnupper-Wettbewerbe die Erste Westernreiter Union Deutschland (EWU). Die hatte manches Highlight parat, insbesondere den Moonlight-Trail in der Abendshow.
Für Rasanz sorgten die Mounted Games-Reiter, die ein Ranglistenturnier auf dem Hauptplatz austrugen (Siegerteam: Lindau-Gettorf I). Auch Pferdefussball war unter anderem wieder mit von der Partie, die Ringreiter, der Verein der Freizeitreiter Deutschland (VFD) und der Islandpferdezucht- und Sportverein (IPZV). „Es läuft rund und mit Rekordzahlen“, resümierte Dörte Rehse-Behncke, die mit Anke Vosswinkel die Fäden für den PSH in der Hand hielt.
Fast Tausend Pferde waren auf dem Platz, 150 Paddocks dienten robusten Gastvierbeinern für die Übernachtung, über 9000 Besucher kamen an zwei Tagen. Auf acht Plätzen parallel tobte das Leben mit den Pferden und mit Hunden, zum Beispiel im Horse-Dog-Trail, an dem die 44-jährige Cornelia Lang aus Nehms mit Australian Shepard-Hündin Kira teilnahm. In ihrer Begleitung war Tochter Natascha, beide waren mit ihren Pferden, Pinto Adylaine und Haflinger Anton, zum Festival gekommen. „Wir sind reine Freizeit-Reiter, gehen nie auf Turniere, aber das Breitensportturnier lassen wir uns nicht entgehen.“
Erstmals geboten wurde ein Araber-Championat, organisiert von Hermann Marsian (Schillsdorf). In vier Rassegruppen, Araber, Anglo-, Shagya-Araber und Arabisches Halbblut, wurde edler Nachwuchs präsentiert. Bewährt hat sich der Landes-Stern-Stafettenritt „Reiten für Reitwege“, der am Sonntagmittag in Segeberg sein Ende nahm. Rund 300 Reiter hatten zum vierten Mal ihre Botschaft unter der Schirmherrschaft von Innenminister Ralf Stegner durchs Landgetragen. Abschluss ihrer Reise war der Gottesdienst auf dem Hauptplatz. Freizeitreiter-Champion wurde Carola Scholz vom Team Légèreté aus Quickborn. Jessica Bunjes
Pilotprojekt Gelassenheitsprüfung: GHP II
Es war ein Pilotprojekt und kam sehr gut an: Die geführte Gelassenheitsprüfung (GHP II) wurde auf dem kombinierten Landes-, Bundesbreitensportfestival in Bad Segeberg zum ersten Mal angeboten. „Wir prüfen die Alltagstauglichkeit von Pferd und Reiter“, erläuterte Thomas Ungruhe, Leiter des FN-Breitensport-Ressorts, die Vielseitigkeits-Prüfung für Freizeitpferde.
Mit stattlichen 50 Nennungen für die GHP II war Ungruhe „mehr als zufrieden“. Für ihn kam es im gesamten Ablauf der Veranstaltung darauf an, „alles ruhig angehen zu lassen - ohne jeden Stress.“ Das Motto galt insbesondere in der GHP. Erlebt hat das die 13-jährige Ina Kähler (Nettelsee), im letzten Jahr Zuschauerin, jetzt erstmals mit Reitpony Fanny dabei. Über ein Stangenkreuz mussten die Pferde und Ponys aller Rassen klettern, den Vorderhuf bereitwillig in einen Eimer mit Wasser stecken und unerschrocken an plötzlich aufgespannten Regenschirmen vorbei schreiten. „Der Klassiker“ sagte Ungruhe lächelnd - denn Pferde scheuen in überraschenden Situationen schnell. „Wir wollen keine Pferde erschrecken sondern stellen den Alltagsbezug her und da muss das Pferd auch sicher an den Reiterhilfen stehen.“ jem
Deutsches Quadrillen Championat
„Der Teamgedanke steht beim Breitensport im Vordergrund, es ist der ideale Rahmen für das Deutsche Quadrillen-Championat“, betonte Thomas Ungruhe, Leiter des Ressorts Breitensport der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Eingeteilt in die Gruppen „klassisch“ und „Themen-Quadrille“ wurde der Wettbewerb auf A-Niveau zu selbst ausgewählter Musik ausgetragen.
Dicht gedrängt standen Hunderte von Zuschauern, als bei der Themen-Quadrille Reiter in Vierer-Formation, herrlich kostümiert, auf dem Dressurviereck ritten. Auch die klassische Variante, bei der sogar acht Reiter synchron auftreten mussten, sorgte für Massenandrang. „Der Bundeswettbewerb hat der Quadrillenreiterei einen enormen Aufwind beschert, auch bei uns ist das deutlich spürbar“, sagte Dörte Rehse-Behncke vom Organisationsteam des Pferdesportverbandes Schleswig-Holstein. Aus sechs Ländern kamen die 21 Teams, von denen die Mannschaft aus Tübingen den weitesten Weg hatte (Rang drei in der Themen-Quadrille). In beiden Gruppen siegte der Kreisreiterverein Lippstadt vor dem Reiterverein St. Hubertus Wesel-Obrighausen. Lippstadt bekam zusätzlich den Preis für Originalität. „Wir haben seit Ostern geübt“, verrieten die Westfalener, die zum vierten Mal am Championat teilnahmen. jem