
In Sachen Schulpferde haben sowohl die FN als auch die Landesverbände eine Offensive gestartet. Wir haben uns mit Markus Lohmann unterhalten, der im Elbdörfer und Schenefelder RV den gut laufenden Schulbetrieb engagiert betreut und interessierten Vereinen viele Denkanstösse und Anregungen mit auf den Weg geben kann.
PFERD+SPORT: Der Schulpferdebereich ist ein wichtiges Standbein beim Elbdörfer- und Schenefelder RV. Wie ist er bei Ihnen in den Betrieb integriert?
Markus Lohmann: Im Reitstall Klövensteen haben insgesamt 142 Pferde Platz. Turnierreiter und ambitionierte Freizeitreiter mit eigenen Pferden finden bei uns optimale Bedingungen, was die Unterbringung, Bewegungs-/Ausreitmöglichkeiten, Ausbildung sowie Beritt von Pferden angeht. Gleiches gilt für Reitschüler und Voltigierer auf unseren Vereinspferden. Allerdings ist der Spagat, allen Interessengruppen gerecht zu werden, nicht immer ganz einfach. Um schnell auf Veränderungen der Anforderungen reagieren zu können, arbeiten der Betreiber des Reitstall Klövensteen und der Verein in einem gemeinsamen Büro eng zusammen.
Die Zahl unserer Reitschüler hat sich innerhalb der letzten vier Jahre vervierfacht - ein Trend, der in allen Reitschulen zu spüren ist. Aus dieser Entwicklung kann und sollte man herauslesen, dass das Lehrpferd für die Zukunft der deutschen Reiterei eine große Rolle spielen wird. Immer mehr Menschen scheuen sich - vor allem aus finanziellen und zeitlichen Gründen - vor dem Schritt, ein eigenes Pferd zu kaufen. Für diese Menschen ist das Reiten in einer Reitschule daher die ideale Möglichkeit, dem Reitsport nachzugehen. Mehr Reitschüler heißt aber auch mehr Zeit- und Platzbedarf, was wiederum nicht zu Lasten der anderen Standbeine wie den privaten Einstellern gehen darf. Bisher konnten wir auf Grund unserer Konstellation aber immer ein für alle Seiten zufrieden stellendes Ergebnis finden.
PFERD+SPORT: Wie viele Pferde stehen den Reitschülern zur Verfügung? Welchen Ausbildungsstand haben sie?
Markus Lohmann: Der Reitschule stehen 15 vereinseigene Pferde zur Verfügung. Bis zu fünf weitere Pferde sollen auf Grund der großen Nachfrage mittelfristig angeschafft werden. Auch bei den Pferden ist ein Spagat notwendig: Für Kinder benötigt man kleine, für erwachsene Anfänger große, sichere Pferde, die auch einmal einen Reiterfehler verzeihen. Fortgeschrittene Jugendliche und Erwachsene wünschen sich besser ausgebildete Pferde. Diese Wünsche kann man nicht zu 100 Prozent erfüllen. Wir haben drei Ponys, drei Kleinpferde und neun Großpferde.
Der Ausbildungsstand reicht vom Freizeitpferd bis Turnierpferd der Kl. M. Die Ausbildung ist dabei nicht das wichtigste, sondern die Ausrüstung und Haltung der Pferde! Was nützt ein gut ausgebildetes Pferd, wenn die Ausrüstung mangel-/schadhaft ist oder nicht passt? Daher führen wir regelmäßige Kontrolle der Ausrüstung jedes Pferdes durch, lassen regelmäßig Zähne kontrollieren, Wurmkuren und Impfungen sowie Schmiedearbeiten durchführen.
Soweit das Wetter es zulässt, kommen unsere Pferde jeden Tag auf Weide oder Paddock; der Unterricht wird bei gutem Wetter auch gern auf den Außenplätzen oder im Gelände durchgeführt.
Zusätzlich versuchen wir, die Inhalte in den Stunden abwechslungsreich zu gestalten, was nicht nur der Motivation der Pferde, sondern auch den Kunden und Ausbildern gut tut und vor Alltagstrott schützt. Immerhin bieten wir nach dem Longenunterricht für Einsteiger und Interessierte neben dem klassischen Dressurunterricht auch Stangen- und Springstunden, Quadrillereiten und Ausritte an. Zusätzlich haben wir noch Turnierteilnahmen, Intensiv-, Spring- und Abzeichenkurse im Angebot. Talentierte Jugendliche werden in speziellen Förderstunden intensiv unterrichtet. Zum Teil werden dafür auch Privatpferde zur Verfügung gestellt, um die Förderung auch wirksam umsetzen zu können. Die Fördergruppenmitglieder gehen regelmäßig zum Turnier - auch außerhalb Schenefelds.
PFERD+SPORT: Und wer organisiert bzw. betreut den Schulunterricht?
Markus Lohmann: Die Reitschule untersteht als Ausschuss des Vorstandes dem Vorstand des Vereins. Kernstück ist ein für alle verbindliches Grundkonzept, ein „roter Faden“ für die Ausbildung der Reitschüler, ein Dokument, in dem alle Ideen zusammengefasst sind und die Inhalte ständig optimiert werden, denn Flexibilität und Weiterentwicklung aus Erfahrungen ist die Grundvoraussetzung für ein gut funktionierendes Unternehmen.
Im Büro werden alle Dinge bearbeitet, die die Abrechnung, Mitgliederverwaltung und Organisation der Reitstunden angehen. Gut 320 von 760 Vereinsmitgliedern reiten in der Reitschule. Zwischen 700 und 1000 Reitstunden werden pro Monat abgerechnet. Da ich als Stall- und neuerdings als ausgebildeter FN-Vereinsmanager im Büro mit diesen Aufgaben gut beschäftigt bin, wurden die praktischen Aufgaben an die sechs Ausbilder abgegeben. Regelmäßige Ausbildertreffen garantieren, dass alle Ausbilder über die Vorgänge in der Reitschule informiert sind und Entscheidungen gefällt werden können. Zusätzlich hat jeder Ausbilder eine eigene Aufgabe, wie zum Beispiel das Tauschen der Satteldecken, Tierarzt- und Schmiedbetreuung, Organisation des Weideganges.
Das System der Reitschule ist einfach gehalten: Bei uns kann sich jeder Reitschüler frei im Stundenplan eintragen und ist nicht an bestimmte/festgelegte Stunden gebunden. So kann der heute in Zeitnot lebende Mensch sich oder sein Kind flexibel von Woche zu Woche eintragen und bezahlt die Stunden, die er/sie reitet per Reitkarte, für die es je nach Größe einen Rabatt gibt.
Allerdings bieten wir Reitschülern auch an, sich fest in Stunden einzutragen oder sich für feste Stunden ein spezielles Pferd dauerhaft als Partnerschaft zu sichern.
PFERD+SPORT: Sie haben sich am FN-Projekt „Reiten für Wiedereinsteiger“ beteiligt. Können Sie kurz schildern, wie das Projekt aussah?
Markus Lohmann: Wir haben als eine von elf Reitschulen in Deutschland am FN-Projekt teilgenommen, um Erfahrungen für spätere Ausbildungsempfehlungen der FN zu sammeln.
Die Aufgabenstellung sah vor, mit geeigneten Mitteln erwachsene Wiedereinsteiger in einem Jahr fit für das eigene Pferd zu machen. Wir haben mit acht Reitern angefangen und hatten anfangs mit ganz banalen Problemen zu kämpfen: einen gemeinsamen Termin für alle Reiter zu finden, die fehlende Kondition aufzubauen bzw. alle auf einen Stand zu bringen und vor allem den Kopf der Teilnehmer auszuschalten und Vertrauen aufzubauen. Wenn man eine ganz wichtige Erfahrung aus dem Projekt mitgenommen hat, ist es die Tatsache, dass Erwachsene viel zu viel beim Reiten (nach)denken; sei es aus Angst zu versagen, also dem mangelnden Selbstvertrauen, oder der Furcht, das Pferd nicht kontrollieren zu können oder gar zu stürzen.
Nicht immer lief das Projekt so, wie wir uns den Ablauf gedacht hatten, so dass immer wieder Kurskorrekturen vorgenommen werden mussten. Immerhin haben alle Teilnehmer gemeinsam den Basis- und Reiterpass gemacht und reiten - bis auf zwei Ausnahmen - noch heute bei uns. Wir nehmen uns auch der Wiedereinsteiger sehr intensiv an und bringen sie auf Grund der gemachten Erfahrungen mit Longen- und Einzelstunden bis zur Integration in die passende Reitgruppe.
PFERD+SPORT: Welche Tipps können Sie Vereinen und Betrieben für das Projekt „Schulpferde“ mit auf den Weg geben?
Markus Lohmann: Ich habe es Eingangs erwähnt, dass die Lehrpferde wohl ein ganz wichtiger und unverzichtbarer Baustein in der Zukunft der Reiterei sein werden. Das sieht inzwischen auch die FN so und ist stark bemüht, die Lehrpferdereiterei in Deutschland zu stärken. Aus diesem Grund kann ich nur allen Interessierten empfehlen, diese Entwicklung nicht zu verschlafen!
Allerdings sollte man sich vor der Gründung einer Reitschule genau überlegen, was man wie mit welchem Aufwand anbieten will. Das Konzept will auf den Betrieb abgestimmt sein, ebenso wie das Preis-Leistungs-Verhältnis, die Zahl und Ausbildung der Lehrpferde. Innovative Ideen und Angebote außerhalb des normalen Dressurunterrichtes mit maximal acht Pferden in der Bahn sind herzlich willkommen bei den Kunden, die heute ernst genommen und immer wieder neu motiviert werden wollen und nicht reine Konsumenten sind.
In Sachen Ausbilder, Ausrüstung und Haltung müssen wir Reitschulen weg von dem „Schmuddelimage“ der letzten Jahre. Neben dem Unterricht sind die Pferde und das gesamte Umfeld des Unterrichts Werbeträger und Garanten, dass treue Kunden bleiben, neue Kunden kommen. Auch die Werbung ist ein ganz entscheidender Punkt: Eine Internetseite, Zeitungsartikel und vor allem kompetente Ansprechpartner vor Ort sollten selbstverständlich sein! Stillstand ist ein Rückschritt!
Bilden Sie sich aus und weiter - sorgen Sie für die Aus-/Weiterbildung der Ausbilder und Pferde!
Sprechen Sie mit anderen Reitschulen, denn der Markt ist groß genug, dass man sich gegenseitig als Mitstreiter in einer an uns gestellten Aufgabe einer Wiederbelebung der guten Reitausbildung in Deutschland sehen kann und sollte.
Wir sollten Reitschulunterricht nicht nur auf den Unterricht beschränken, sondern auch die Betreuung vor und nach der Stunde sicherstellen.
Wir erbringen eine auf den ersten Blick nicht gerade günstige Dienstleistung. Und nicht vergessen: Wir Betreiber und Ausbilder sind auf den gesunden und motivierten „Kollegen Pferd“ angewiesen!
Markus Lohmann hat seine Erfahrungen schon mehrfach für die FN in Form von Referaten an Interessierte weitergegeben und steht jedem Interessierten gern mit Rat und Tat zur Verfügung unter 040-830 80 70 oder office(at)esrv-online.com.