
Auch der Holsteiner Verband kann sich neuesten veterinärmedizinischen Entwicklungen wie z. B. dem Embryotransfer nicht entziehen (siehe auch Interview mit Norbert Boley, Seite 66). Dr. Itje Leendertse erklärt, was bei einem Embryotransfer alles beachtet werden muss.
Was bedeutet eigentlich Embyrotransfer? Unter Embryotransfer versteht man eine ganze Reihe von Schritten, die hier kurz aufgeführt werden: Embryogewinnung aus der Donorstute (Spenderstute), Aufbereitung für die Einpflanzung in die Empfängerstute, Aufbereitung für den Transport zu einer Empfängerstute, evtl. durch Einfrieren des gewonnenen Embryo, Transfer in die Empfängerstute, Trächtigkeit der Empfängerstute, das Austragen und die Geburt, Erfahrungen und technische Verbesserungen haben den Embryotransfer heute zu einer klinisch anerkannten und etablierten Methode gemacht.
Invitro-Fertilisation
Anders als in der humanen Invitro-Fertilisation, findet beim Embryotransfer der Stute sowohl die Befruchtung als auch das frühe Wachstum des Embryos in der Donorstute statt.
Ungefährt sieben Tage nach der Befruchtung ist der Embryo bereit, um in eine Empfängerstute übertragen zu werden, die Zyklus-gleich mit der Donorstute ist. Außer, der Embryo wird nicht direkt übertragen und zuerst gekühlt oder eingefroren, um dann zu einer gegebenen Zeit in eine zeitlich passende Stute übertragen zu werden.
Vorteile
Die Anwendung des Embryotransfers bietet dem Züchter u. a. folgende Vorteile:
1. Die Züchtung von mehr als nur einem Fohlen innerhalb eines Jahres von besonders wertvollen Stuten.
2. Die Züchtung von Fohlen aus Stuten, die sportlich genutzt werden.
3. Die Züchtung von Fohlen aus Stuten, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, ein Fohlen auszutragen.
Die Durchführung des Embryotransfers findet fast ausschließlich in speziell ausgestatteten Zuchtstationen statt, die einerseits einen direkten Transfer durchführen, d.h. die gewonnenen Embryos werden direkt in eine Empfängerstute übertragen, bzw. die andererseits die gewonnenen Embryonen aufbewahren können.
Es ist inzwischen aber auch möglich, den Embryo an einem anderen Ort zu gewinnen und diesen gekühlt oder eingefroren an eine Zuchtstation zu transportieren, wo er dann in die ausgewählte Empfängerstute übertragen wird.
Auswahl der Donorstuten
Die Hauptansprüche, die an eine Donorstute gestellt werden, sind die Produktion eines Embryos und das Austragen für ca. eine Woche. Je fruchtbarer und gesünder diese Stuten sind, desto einfacher wird es, einen Embryo von ihnen zu gewinnen.
Eine kürzlich durchgeführte amerikanische Studie zeigt, dass die Gewinnung von Embryonen vom Alter und Gesundheitszustand der Donorstuten abhängig ist. Bei jungen Sportpferden konnten in 80 Prozent der Fälle ein Embryo gewonnen werden, bei Zuchtstuten mittleren Alters ungefähr in 60 Prozent und bei Problemstuten nur noch in 30 Prozent der Fälle (siehe Problemstuten).
Das heißt aber nicht, dass Stuten mit Fruchtbarkeitsstörungen grundsätzlich schlechte Donorstuten sind. Bei jeder Stute sollte eine gründliche gynäkologische Untersuchung erfolgen und anschließend individuell entschieden werden, ob sie sich zur Embryogewinnung eignet oder nicht. Die Erfahrung hat gezeigt, dass nur wenige Stuten gar nicht dafür geeignet sind.
Embryogewinnung
Um den Tag der Ovulation optimal bestimmen zu können, ist es nötig, die Stuten in der Rosse mehrmals gründlich auszuprobieren und mindestens einmal täglich mittels Ultraschall zu untersuchen. Oftmals ist eine Synchronisation von Donor- und Empfängerstute notwendig, damit sich beide Stuten so nah wie möglich im gleichen Zyklusstand befinden. Die Rosse und auch die Ovulation sollten dazu durch Hormongaben induziert werden.
Für den Embryo ist es lebenswichtig, dass er in das gleiche Milieu übertragen wird, aus dem er zuvor entnommen wurde. Damit diese oft komplizierten Vorgängen des Embryotransfers zum Erfolg führen, sollte ein spezialisierter Tierarzt beauftragt werden. Inzwischen wurde durch die Möglichkeit, die gewonnenen Embryonen einzufrieren, das Problem der Synchronisation etwas gemildert.
Befruchtung
Hat der Tierarzt den Tag der Ovulation ermittelt und eine erfolgreiche Befruchtung durchgeführt, dauert es ca. fünf bis sechs Tage, bis der Embryo durch den Eileiter in die Gebärmutter gewandert ist.
Der optimale Zeitpunkt der Embryogewinnung ist um den 7. Tag herum. Hierfür wird die Gebärmutter mehrmals mit je ein bis zwei Litern spezieller Flüssigkeit gespült. Nach jedem Spülvorgang wird die Gebärmutter von rektal aus massiert, was zum einen eine Lösung des Embryos in der Flüssigkeit zur Folge hat, andererseits eine bessere Entleerung der Gebärmutter bewirken soll.
Spülung
Die rücklaufende Spülflüssigkeit wird durch einen Filter geleitet, welcher den Embryo zurückhält. Der Filtervorgang wird mittels Monitor überwacht, damit die Gewinnung eines Embryos rechtzeitig erkannt wird. Früher wurde der Embryo meist durch einen chirurgischen (Flankenschnitt) eingepflanzt, heutzutage wird er durch den Gebärmuttermund eingepflanzt. Für gewöhnlich werden die Donorstuten nach der Spülung wieder in die Rosse gebracht, so dass sich der Vorgang alle 17 bis 18 Tage wiederholen lässt.
Embryotransfer
Ist ein Embryo gewonnen worden, kann dieser entweder sofort in die entsprechend vorbereitete Empfängerstute überführt werden, oder er wird für einen Transport aufbereitet. Hierfür muss der Embryo gekühlt und speziell verpackt werden, damit er lebensfähig bleibt. Unter heutigen Bedingungen ist es möglich, einen Embryo für mindestens 24 Stunden am Leben zu erhalten. Inzwischen kann es auch eingefroren werden.
Embryotransfer-Stationen
Der Vorteil von Embryotransfer-Stationen ist, dass sie meist über eine große Gruppe von Empfängerstuten verfügen, so dass meist eine dem Zyklusstand der Donorstute angepasste Empfängerstute bereit steht. Außerdem verfügen sie über erfahrenes Personal, welches bei der Vorbereitung der Stuten und bei der Durchführung der Embryogewinnung und -übertragung behilflich ist. Das Einfrieren ist zwar möglich, bedeuet aber einen zusätzlichen Arbeitsvorgang, der auch mit dem Verlust von lebensfähigen Embryonen behaftet sein kann.
Empfängerstuten
Die sorgfältige Auswahl der Empfängerstuten kann entscheidend für den Erfolg des Transfers sein. Wichtig ist der gesundheitlich einwandfreie Zustand ihrer Reproduktionsorgane und eine regelmäßig, normal ablaufende Rosse. Der Zeitpunkt, zu dem die Stute den Embryo aufnehmen kann, ist sehr kurz und muss vom betreuenden Tierarzt genau bestimmt werden.
Was bedeutet der Embryotransfer für den Züchter?
Besteht der Wunsch, ein Fohlen aus einer Stute über Embryotransfer zu erhalten, sollte die weitere Vorgehensweise mit seinem Fachtierarzt besprochen werden. Es gilt zu entscheiden, ob eine stationäre Aufnahme auf einer Zuchtstation nötig ist, um den Transfer durchzuführen, oder ob die Möglichkeit besteht, dieses auch vor Ort zu erledigen. Die individuellen Bedürfnisse der Stute, wie auch die medizinischen Möglichkeiten und Bedingungen müssen beachtet werden.
Nicht jede Stute rosst in fremder Umgebung oder kann für mehrere Wochen aus dem Sport genommen werden, um den Transfer durchführen zu lassen.
Die Wirtschaftlichkeit sollte unbedingt im Auge behalten werden, denn die Embryogewinnung gelingt bei einer Durchschnittsstute nur zu 50 Prozent. Die Trächtigkeitsrate nach erfolgtem Transfer liegt bei etwa 70 bis 80 Prozent.
Auswahl der Donorstuten
Der Embryotransfer bietet zwar die Möglichkeit (bei vernünftiger Durchführung), auch Fohlen von Problemstuten oder sportlich genutzten Stuten zu züchten, ist aber nicht die Lösung bei allen Fruchtbarkeitsproblemen.
Die richtige Auswahl der Donorstuten, eine genaue Beratung und medizinische Betreuung sind unbedingt notwendig, damit der Embryotransfer erfolgreich durchgeführt werden kann.
Norbert Boley zum Embryotransfer:
„ET ist kein Allerheilmittel“
Im Anschluss an die Hengstvorführung am Samstag referierte Dr. Dominik Burger aus Avenches vor zahlreichen Zuhörern über den Embryotransfer. Der Schweizer, der auch als Teamveterinär für die Vielseitigkeits- und Distanzreiter unseres Nachbarlandes fungiert, hat sich seit 1990 intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Er arbeitet u.a. mit dem Landgestüt Celle zusammen und wird in Zukunft den Holsteiner Verband bei diesem Projekt betreuen. Mit dem Elmshorner Geschäftsführer Norbert Boley haben wir uns über den Ablauf unterhalten.
PFERD+SPORT: In den USA ist der Embryotransfer nichts Besonderes mehr. In Argentinien werden pro Jahr mehr als 10 000 Stuten gespült, und auch in Frankreich, Belgien und Holland ist er „ganz normal“. Warum hat sich nun auch der Holsteiner Verband entschlossen, seinen Züchtern den Embryotransfer anzubieten?
Norbert Boley: Auch wir als Zuchtverband können uns der veterinärmedizinischen Entwicklung nicht verschließen. Wir wissen, dass einige unserer Züchter Interesse am Embryotransfer haben. Sie mussten dafür bislang weite Wege in Kauf nehmen. Man kann unser Engagement beim Embryotransfer als Dienst an unseren Kunden betrachten. Wir sollten in das Geschehen mit eingebunden sein.
PFERD+SPORT: Welche Stuten kommen Ihrer Meinung nach für einen Embryotransfer in Frage?
Norbert Boley: Wir müssen uns, damit wir auch in Zukunft am Zuchtgeschehen erfolgreich teilnehmen können, die wertvolle Gene der Holsteiner Zucht sichern. Der Embryotransfer ist vornehmlich für junge Stuten gedacht, bei denen die Gefahr besteht, dass sie aufgrund ihrer Genetik verkauft werden und Schleswig-Holstein verlassen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Nachfrage nach diesen Stuten, vor allem aus dem Ausland, groß ist. Meiner Meinung nach sollte der Embryotransfer wirklich nur in Ausnahmefällen durchgeführt werden.
PFERD+SPORT: Wie sieht es mit Sportstuten aus. Kann man sie ohne weiteres aus dem Sport nehmen, ihnen ein Embryo entnehmen und sie dann sofort wieder zurück in den Parcours schicken?
Norbert Boley: Die Erfahrungen haben gezeigt, dass der Doppeleinsatz - Zucht und Sport - kaum machbar ist. Die aus dem Sport kommenden Stuten müssen - damit sich ihre Rosse wieder normalisiert - mindestens zwei Monate Ruhe haben wenn man sie für einen Embryotransfer ins Auge fasst.
PFERD+SPORT: Welchen Züchtern würden Sie von einen Embryotransfer abraten?
Norbert Boley: Es wird sich bei den hohen
Kosten kaum lohnen, mit Stuten einen Embryotransfer zu machen, deren Fohlen bislang schwer vermarktbar waren.
Auch muss man klar sehen: Der Embryotransfer ist kein Allerheilmittel für Stuten z. B., die schwer tragend werden oder ihr Fohlen in frühen Trächtigkeitswochen verloren haben. Hier gilt es, unbedingt Rücksprache mit dem Haustierarzt zu nehmen, inwiefern Embryotransfer eine Lösung sein könnte.
PFERD+SPORT: Sie benötigen für das Projekt natürlich auch Empfängerstuten. Müssen das Holsteiner Stuten sein oder kommen auch andere Rassen in Frage?
Norbert Boley: Zunächst muss ich sagen, dass die Trägerstutenherde in überschaubaren Rahmen gehalten werden soll, damit wir die Abwicklung im Lauf der Zeit optimieren können. Wir müssen uns das „Handling“ erst erarbeiten, und es muss alles machbar bleiben. Wir sind natürlich bestrebt, dass wir nur Holsteiner Stuten als Empfängerstuten benutzen.
PFERD+SPORT: Wo wird der Holsteiner Verband das Projekt „Embryotransfer“ anbieten? Welchen Tierarzt konnten Sie für die Betreuung vor Ort gewinnen?
Norbert Boley: Die Trägerstuten sollen in Dägeling und bei Matthias Tiedemann in Oeschebüttel stehen. Die tierärztliche Betreuung vor Ort wird von der Tierarztpraxis Dr. Konrad Bartjen gewährleistet. Dessen Mitarbeiter Dr. Rathjen konnte sich im Landgestüt Celle mit dem Embryotransfer bestens vertraut machen.
PFERD+SPORT: Zum Schluss noch eine Frage: Was kostet das Ganze den Züchter?
Norbert Boley: Der europäische Richtwert bei einem erfolgreichen ET liegt bei rund 2500 Euro. Darin enthalten sind die „technischen“ Arbeiten und die Miete der Trägerstute. Nicht enthalten sind die Decktaxe und das Futtergeld für die Trägerstute ab der 45. Trächtigkeitswoche. Wir denken aber noch über ein progressives Zahlungssystem nach. Übrigens: Begehrte Hengste wie Cassini I oder Contender werden für dieses Programm nicht zur Verfügung stehen.