Welche Maßnahmen kann

der Pferdehalter ergreifen?

Pferde sind wahre Verletzungskünstler: Sie fügen sich Wunden an allen denkbaren Körperstellen zu. Besonders oft sind die unteren Beinabschnitte davon betroffen. Pferde sind aber auch eine für Wundinfektionen besonders anfällige Tierart. Daher ist es wichtig, alle Wunden ernst zu nehmen und die gefährlichen von den weniger dramatischen unterscheiden zu lernen. Auch der Laie sollte zudem eine korrekte Wundversorgung beherrschen - um seinem Pferd  in der Wartezeit auf den Tierarzt effektiv helfen zu können.

 

Von Dr. Jürgen Bartz

 

Die Beurteilung von Wunden fällt Nichttierärzten erfahrungsgemäß schwer. Um nun weder bei gefährlichen Verletzungen einen schwerwiegenden Fehler zu machen, noch harmlosere Verletzungen unnötig zu dramatisieren, empfiehlt sich die Einhaltung eines zwar groben, aber praxisgerechten Rasters, um die passenden Maßnahmen einleiten zu können. Eine auch für Laien einfach zu treffende Unterscheidung kann anhand des äußerlich erkennbaren Bildes in drei wichtigen Hauptgruppen erfolgen:

 

• Oberflächenwunden

• tiefere Wunden mit geringer Blutung

• tiefe Wunden mit stärkerer und starker Blutung

 

Der einfachste Fall: die Oberflächenwunde

Bei oberflächlichen Wunden ist lediglich die Haut verletzt. Der Reiter kann dies daran erkennen, dass in der Tiefe der Wunde keine weiteren Gewebe, beispielsweise Muskeln, Sehnen oder Knochen, zu erkennen sind. Typische Oberflächenwunden sind  Schürfwunden und kleine Risswunden ohne Taschenbildung und ohne eingedrungene Fremdkörper. Solche Verletzungen sind im Regelfall harmlos und müssen nicht tierärztlich behandelt werden.

Erstmaßnahme: Zur Versorgung genügt eine einfache Heilsalbe aus der Apotheke (Calendula-Salbe, Rescue-Salbe) oder ein beim Tierarzt erhältliches Wundspray ohne Antibiotikum. Die Praxis zeigt allerdings, dass viele dieser kleinen Wunden ohne jede Behandlung oftmals am besten abheilen; lediglich bei starkem Fliegenbefall im Sommer ist eine Abdeckung immer hilfreich. Nach drei bis fünf Tagen sollte die Wunde verkrustet und trocken sein. Ein Auswaschen mit Hilfe von Lappen oder die Verabreichung desinfizierender Salben und Puder ist bei frischen Wunden nicht hilfreich. Denn diese Mittel

können die Heilung behindern. Desinfektionsmittel und Spüllösungen sind nur für ältere, entzündete Wunden nach tierärztlicher Anweisung sinnvoll. Sicherheitshalber muss unbedingt immer der Schutz gegen Tetanus (Wundstarrkrampf) überprüft und im Zweifel der Tierarzt gerufen werden, auch wenn sich der Tetanuserreger in solchen kleinen Oberflächenwunden in der Regel nicht ansiedelt.

Achtung: Treten in den folgenden Tagen Lahmheiten, Fieber, umfangreiche Schwellungen der Wundumgebung oder andere Symptome auf, muss der Tierarzt auch nach oberflächlichen Verletzungen sofort benachrichtigt werden. Hier könnten nämlich dann - parallel zu der offenbar harmlosen äußeren Wunde - weitere und vom Laien nicht erkennbare innere Verletzungen vorliegen. Typische Beispiele dafür sind Knochenabsplitterungen oder Sehnenprellungen.

 

Hygiene hat Vorrang: mäßig blutende Wunden

Die Definition dieses Wundtyps ist einfach: Wenn das Blut aus der Wunde perlt, tröpfelt oder in dünnem Rinnsal fließt, sprechen wir von einer mäßig blutenden Wunde. Hier bestehen zwei Risiken.

• tiefere Strukturen - Sehnen, Gelenke, Nerven - können zusätzlich verletzt sein

• durch mangelhafte Ersthilfe und zu späte oder ganz fehlende tierärztliche Endversorgung werden gefährliche Wundinfektionen und Folgeschäden möglich.

Die Blutung an sich ist für ein Pferd in diesem Umfang ungefährlich; sie kommt von selbst zum Stillstand und bedeutet keinen signifikanten Blutverlust.

Erstmaßnahme: Der Tierarzt ist in jedem Fall sofort zu verständigen.

Die Wunde muss in der Wartezeit auf den Tierarzt verbunden werden. Dadurch erzielt man mehrere positive Effekte: Der korrekt angelegte Verband dämpft die Schmerzen, verhindert eine weitere Verschmutzung und verhindert eine übermäßige Schwellung der Wundränder. Damit werden die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wundnaht durch den Tierarzt geschaffen, sofern dieser sich für ein Vernähen entscheiden muss. Denn für verschmutzte, sich in Antrocknung befindliche Wunden mit geschwollenen Wundrändern besteht keine gute Prognose. Das Anlegen des Verbandes lohnt sich auch bei Tierarzt-Wartezeiten von unter einer Stunde.

Nie greift man mit den Händen, mit Lappen oder einer Pinzette in die Wunde. Jedes Herumreiben oder Wischen ist zu unterlassen. Nie gibt man ohne tierärztliche Anweisung irgendwelche Medikamente in die Wunde, auch keine so genannten Desinfektionsmittel und keine Sprays. Diese können die Wundheilung behindern und nehmen dem Tierarzt die Übersicht im Wundegebiet - besonders bei Pudern und gefärbten Lösungen. Zudem müssen alle diese Stoffe vor einer eventuell erforderlichen Wundnaht wieder mühsam ausgespült werden. Der Tetanusschutz ist zu überprüfen!

 

Schnell handeln - aber ohne Panik: stark blutende Wunden

 

Wenn das Blut im Strahl aus der Wunde fließt oder gar daraus hervorspritzt, womöglich hellrot und im Pulsrhythmus, sprechen wir von einer Wunde der dritten und damit höchsten Kategorie. Dann ist natürlich allerhöchste Eile geboten. Hier hat die schnelle Blutstillung absoluten Vorrang. Ob das Ver- bandmaterial mit sauberen Händen angefasst wird oder auch ein wenig Sand in der Wunde ist - all dies wird dann nebensächlich.

Erstmaßnahme: Sofort wird ein Verband mit genügend Polsterstoff und einer elastischen, selbst haftenden Bandage angelegt.

Trotz starker Blutung darf man sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Denn unter Stress macht man unnötige Fehler und geht vor allem Risiken ein, die zu schweren Unfällen mit Schäden für Mensch und Pferd führen können. Auch die Blutmengen aus stark blutenden Wunden muss man in Relation zur Körpermasse eines Pferdes setzen: Ein 650 kg schwerer Warmblüter kann ohne Probleme und ohne jedes Risiko fünf bis sieben Liter Blut verlieren - auf der Stallgasse oder im Sandauslauf sieht diese Menge allerdings gewaltig und dramatisch aus.

Bei solchen Wunden zeigt sich, ob das zur Verfügung stehende Verbandmaterial den Pferdeansprüchen genügt - oder aus dem Notfallpäckchen im Auto stammt. Denn damit ist man im Ernstfall völlig hilflos. Nur professionelle Verbandstoffe für Großtiere, am besten für Pferde, machen hier eine unter Umständen lebensrettende Ersthilfe für den Laien überhaupt möglich.

 

Effektive Verbände: nur mit Profi-Stoffen möglich

Für Verbände am Pferd eignen sich nur professionelle Verbandstoffe, die leicht zu handhaben sind, stabil und ausreichend groß dimensioniert. Mit altertümlichen Leinenbinden oder der Ausstattung des Auto-Verbandkastens wird der ungeübte Pferdehalter und Reiter keinem Pferd helfen können.

Geeignete Verbandstoffe erhält man bei Pferde-Tierärzten und teilweise im Reitsport-Fachhandel. In jedem Fall muss man aber ausdrücklich nach den hier genannten, recht teuren Stoffen fragen und darf sich nicht mit billigem Material abspeisen lassen. Wer einmal mit guten Profistoffen das Anlegen von Verbänden geübt hat und merkte, wie leicht und sicher er dann seinem Pferd helfen kann, wird gerne etwas mehr Geld investieren, um für den Notfall besser gerüstet zu sein.

 

Mindestens benötigt man folgende Materialien:

• mehrere sterile Wundabdeckungen, einzeln verpackt, 10 x 20 cm groß

• 1 Rolle Polstermaterial (Verbandwatte, Verbandgaze, zum Beispiel EquimollÒ)

• 1 Schere zum Zuschneiden des Polstermaterials

• mehrere selbst haftende (wichtig!) elastische Bandagen, 10 bis 12 cm breit und einen Meter lang (zum Beispiel Vetflex, Vetra, 3M Healthcare)

• 1 Rolle Gewebeklebeband

 

Eine Nasenbremse wird von vielen Fachleuten als unabdingbare Ausrüstung für die Erste Hilfe bei Wunden und Verletzungen betrachtet: Denn manchmal kann man einem verletzten Pferd nur dann effektiv und für den Menschen sicher helfen, wenn es durch diese Zwangsmaßnahme ruhig gestellt wird.

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