
Gut 250 interessierte Ausbilder trafen sich am 1. Advent auf der Reitanlage Boje Peters in Bargenstedt zur Jahres-Ausbildungs-Tagung. Anhand von neun verschiedenen praktischen Unterrichtsdemonstrationen wurde der Zuschauer durch die breite Palette des Unterrichtens geführt.
Christoph Hess, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung, moderierte die Veranstaltung und gab dem Publikum nach jeder Demonstrationseinheit die Möglichkeit, sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen, so dass ein intensiver Austausch stattfand.
Am Vormittag wurde Christoph Hess von Oberstudienrätin Claudia Elsner begleitet. Als Mitglied des Arbeitskreises Schulsport der FN hat sie bereits etwa 650 Schüler zum Reiten gebracht.
Sie machte zunächst auf verschiedene Gründe der Veränderung der Jugendlichen heutzutage aufmerksam: Der enormer Wandel in der Familienstruktur von der Großfamilie zur Kleinfamilie, in der meist beide Elternteile arbeiten. Ein hoher Anteil an Alleinerziehenden führt dazu, dass für die Kinderbetreuung immer weniger Zeit bleibt.
Der bei vielen Kindern ausgeprägte Bewegungsmangel lässt sich auf die Wohnstruktur, die Freizeitgestaltung und die Medienkultur zurückführen. Immer mehr Kinder wachsen in der Stadt in Wohnblocks auf, wo ein selbständiges Erkunden der Umgebung zu gefährlich ist.
Der Alltag vieler Kinder sieht heute so aus, dass sie nach der Schule allein zu Hause vor dem Computer oder dem Fernseher sitzen und sich von Fertiggerichten ernähren.
Die Quittung für diesen Lebensstil sieht man in den Schulen täglich: Kinder mit Koordinationsstörungen, geringem Konzentrationsvermögen, Übergewicht und erhöhtem Aggressionspotential haben es enorm schwer, sich zu sozialisieren.
Bei der ersten praktischen Einheit ging es um Sitzschulungen für Anfänger an der Longe. Dazu führte Monika Schreiber vom Reiterhof Schreiber, Krempermoor, mit ihrem neunjährigen Schüler Jakob zunächst einige Mobilisierungsübungen durch, um anschließend mittels gezielter Balanceübungen die Sitzgrundlagen zu verbessern.
In der anschließenden Diskussion waren sich alle über die Bedeutung des Motivierens der Jungs einig (oder wie Christoph Hess an diesem Tag zu sagen pflegte: „Menschen mit männlichem Background“ - was mit einer Art Versprecher begann, wurde im Laufe des Tages zur Standardbezeichnung männlicher Reiter). Um Jungs für unseren Sport zu gewinnen und zu halten, sollte bei aller nötigen fundierten Grundlagenarbeit berücksichtigt werden, dass Galopp meist deren Lieblingsgangart ist und das Springreiten als größtes und wichtigstes Ziel auf dem Plan steht.
Anschließend wurde eine Gruppe mit neun Jugendlichen unterschiedlichen Alters vorgestellt. Monika Schreiber ging gefühlvoll auf ihre Schüler ein, begann zunächst mit einigen Lockerungsübungen und gab individuelle Sitzkorrekturen, während die Reiter ihre Pferde selbständig lösten. Claudia Elsner übernahm den Unterricht und bot den Ausbildern eine anschauliche Kontrasterfahrung, indem sie im autoritären Stil Pferd und Reiter durch die Bahn kommandierte bis sich Pferd und Reiter verspannten. Viele der Anwesenden fühlten sich an ihre eigene Ausbildung zurückerinnert, denn es ist noch nicht lange her -und häufig auch heute noch so-, dass in tadelndem Ton mit negativer Kritik unterrichtet wurde.
Um mit dem heute sehr vielfältigen Freizeitangebot konkurrieren zu können, sind für den Reitsport einfühlsame, kompetente und motivierende Ausbilder von enormer Bedeutung. Im Mittelpunkt muss dabei der Reiter mit seinen Problemen stehen. Dabei ist stets zu beachten, dass jeder Mensch individuell ist. Zudem sind die verschiedenen Entwicklungsphasen vom Kind zum jungen Erwachsenen immer besonders zu berücksichtigen. Dabei darf allerdings nie vergessen werden, dass eine gewisse Disziplin essentiell für das Reiten ist. Um einen Lernfortschritt zu erzielen, muss stets eine Verknüpfung der anweisungsorientierten mit der erfahrungsorientierten Unterrichtsmethode erfolgen.
Als letzte Demo vor der Mittagspause zeigte Monika Schreiber eine Einheit mit Erwachsenen. Es war eine gemischte Gruppe mit Späteinsteigern, Wiedereinsteigern, und Reitern, die bereits von Kindesbeinen an im Sattel sitzen. Für den Ausbilder ist es eine besondere Herausforderung, sich auf die unterschiedlichsten Erwartungen der Erwachsenen einzustellen. Denn die Motivation zum Reiten zu gehen, ist sehr verschieden: Während die einen den sportlichen Anreiz in den Vordergrund stellen, ist den anderen die Geselligkeit am bedeutsamsten. Viele sehen den Umgang mit dem Pferd als wichtige Komponente des Ausgleichs zum Berufsalltag, und einige heben den gesundheitlichen Aspekt hervor. Dementsprechend muss der Ausbilder das Unterrichtskonzept an die verschiedenen Bedürfnisse anpassen, denn gerade die Spät- und Wiedereinsteiger bilden eine Gruppe, die in den letzten Jahren häufig vernachlässigt wurde. Gerade mit dem Thema Angst muss bei erwachsenen Schülern besonders sensibel umgegangen werden.
Insgesamt muss ein riesiges Kompliment an Monika Schreiber ausgesprochen werden, deren Schulpferde, im Alter zwischen vier und 26 Jahren, durch mentale Stärke und motiviertes taktreines, losgelassenes Gehen bestachen.
Schulpferde bilden das Fundament unserer Reiterei - ihnen gilt die höchste Anerkennung!
Nach der Mittagspause stellte Hans-Heinrich Meyer zu Strohen, Ausbildungsleiter an der Landesreitschule Hoya, die Bedeutung von Sitz und Einwirkung anhand zwei sehr erfolgreicher Nachwuchschampionatsteilnehmerinnen dar. Er warnte davor, sich als Ausbilder zu schnell dazu verleiten zu lassen, den Schüler in eine Form zu pressen. Viel mehr käme es auf die Zwanglosigkeit und die Funktionalität des Sitzes an. Dem Schüler müsse Ursache und Wirkung seiner Bewegungen klargemacht werden.
Generell ist vermehrt darauf zu achten, dass der Schüler weniger „handorientiert“ reitet. Zudem betonte Meyer zu Strohen, dass das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen neben der Überprüfung der Losgelassenheit einen hohen gymnastizierenden Effekt hat.
Schenkelweichende Lektionen sollen wieder vermehrt eingesetzt werden, da sie grundelementar für die diagonale Hilfengebung sind.
Den Zuschauern wurde eine sportlich orientierte Einheit mit ständigem Basisbezug geboten.
Abschließend der Hinweis: Deutschland sei deshalb führend im Reitsport, weil die dressurmäßige Arbeit nicht isoliert betrachtet wird, sondern unabhängig von der jeweiligen Disziplin in das tägliche Trainingsprogramm einbezogen wird.
Den Einfluss von Sitz und Einwirkung des Springreiters auf das Verhalten des Pferdes vor und über dem Sprung machte der international erfolgreiche Parcourschef und Richter, Georg-Christoph Bödicker, deutlich. Dabei stellte er heraus, dass der eigentliche Springvorgang den kleinsten Anteil des Springunterrichts ausmache.
Zunächst müsse an den Sitzgrundlagen gearbeitet werden, denn schaut der Reiter beispielsweise nach unten, führt dies zu einem nach hinten Kippen des Beckens, wodurch das Pferd blockiert wird. Ein weit verbreiteter Fehler stelle das Distanz suchen bis kurz vor den Sprung dar. Durch das Fokussieren des Sprunges hält der Reiter inne. Vielmehr sollte man mit Weitblick planen und nicht zu viel über den Kopf steuern.
Bödicker bemängelte, das Springen von hohen Hindernissen würde oft überbewertet werden - viel wertvoller sei es allerdings, fünf Cavalletti störungsfrei im Rhythmus zu überwinden.
Christopher Bartle, Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter, führte die Interessierten in die Kunst des Buschreitens ein. Nach dem Motto: „Optimistisch reiten - pessimistisch Sitzen“ hob er die Bedeutung des etwas weiter vorne liegenden Unterschenkels für Balance und Sicherheit hervor.
Nicht leicht ist es, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Mut zum Risiko und dem Sicherheitsaspekt zu bewahren. Mit britischem Humor betonte Bartle, ein höheres Risiko führe leichter zu Fehlern, jedoch würde man aus den Fehlern wiederum lernen.
Die letzten drei Demonstrationen gaben Beispiele zum Erarbeiten von Prüfungsaufgaben in Dressur, Springen und Gelände. Dabei ist es besonders wichtig, den Schüler im Training zur Selbständigkeit zu erziehen, da er bei Vorgabe jedes einzelnen Schrittes eine Prüfung allein nicht bewältigen können wird.
Alle Ausbilder sollten sich zu Herzen nehmen, dass kein Mensch mit Absicht Fehler machen will! Man neigt sehr zum Fehlergucken und vergisst dabei, einen konkreten Lösungsvorschlag zu geben. Positive Kritik wirkt jedoch motivierend.
Abschließend sei hervorzuheben, dass alle Demonstrationen des Nachmittags mit erfolgreichen Junioren aus Schleswig-Holstein bestückt wurde, was sehr für die gute Jugendarbeit im Lande spricht.
Lena Vosswinkel