
Damit das hohe Niveau der Holsteiner Zucht auch in Zukunft gehalten werden kann, müssen schon jetzt die Weichenstellungen erfolgen. Auch der Besuch von vielen Fohlen- und Stutenschauen oder Stutentests kann immer nur einen Ausschnitt über die möglichen Vererbungsqualitäten eines Hengstes liefern.
Die Zuchtwertschätzung berücksichtigt sämtliche bis heute vorhandenen Bewertungen aller Holsteiner Fohlen und Stuten und kann deshalb ein wichtiger Baustein für die Planung bei der Anpaarung sein.
Interessierte oder Neueinsteiger, die etwas tiefer in die komplizierte Materie einsteigen wollen, finden in dem farblich abgehobenen Abschnitt Informationen zum Prinzip der Zuchtwertschätzung.
Die Zuchtwertschätzung der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein erfolgt getrennt für die drei Bereiche Fohlenbeurteilung, Stutbuchaufnahme und Zuchtstutenprüfung. Einzelzuchtwerte werden für folgende Merkmale geschätzt:
Inzwischen basiert die Zuchtwertschätzung auf den Bewertungen von 60.902 Fohlen beim Fohlenbrennen, von 25.638 Stuten bei der Stuteneintragung sowie von 7.403 Stuten mit einer Zuchtstutenprüfung. Es können nur Daten aus Schleswig-Holstein verwendet werden. Seit dem letzten Jahr sind ca. 3.300 bewertete Fohlen, etwa 1.150 neu eingetragene Stuten und 460 stations- oder feldgeprüfte Stuten hinzugekommen.
Im Mittel aller Hengste wurden je Hengst 85 Hengst- und Stutfohlen vorgestellt, 20 Töchter eingetragen und 16 Töchter in einer Stutenprüfung geprüft. Weil aber Durchschnittswerte in diesem Fall wenig aussagen, zeigt Übersicht 1, wie sich die Nachkommen auf die Väter verteilen. Damit sich erste deutliche Tendenzen in der Vererbungsqualität eines Hengstes erkennen lassen, sind mindestens 20 Nachkommen erforderlich. 397 Hengste bzw. fast 56 % der eingesetzten Hengste haben 20 und mehr bewertete Fohlen. Bei der Stutbuchaufnahme sind es nur 22 % der Hengste bzw. 282 von insgesamt 1257 Hengsten, die mindestens 20 eingetragene Töchter haben. Ähnlich sieht es bei der Zuchtstutenprüfung aus. Hier haben 99 von 464 Hengsten, das sind gut 21 % der Väter, 20 und mehr Töchter mit einer abgelegten Zuchtstutenprüfung. Aus züchterischer Sicht ist es deshalb sehr wichtig, möglichst zahlreich junge Hengste einzusetzen, damit frühzeitig eine aussagefähige Nachkommenzahl zustande kommt und die Stärken aber auch die Schwächen in der Vererbung des Hengstes sichtbar werden.
Welche Hengste in der Holsteiner Zucht am meisten eingesetzt wurden, ist in Übersicht 2 zu sehen. Weil es die Fohlenbewertung in dieser Form erst seit 1984 und die Zuchtstutenprüfung erst seit 1983 gibt, können die ganz alten Hengste tatsächlich mehr Nachkommen haben, als aufgelistet.
Die fünf Hengste Contender, Cassini I, Caretino, Corrado I und erstmals auch Calato haben inzwischen mehr als 1000 bewertete Fohlen. Contender liegt dabei mit über 1900 Fohlen deutlich vor den anderen Vererbern. Bei den eingetragenen Stuten weist Landgraf I mit 663 eingetragenen Töchtern fast 100 Stuten mehr auf als Cor de la Bryère. Es folgen Contender mit 524 bonitierten Stuten sowie Lord (391) und Caretino (356). Auch in der Zahl der geprüften Töchter liegen diese Hengste vorne. Landgraf I und Contender haben mehr als 200 Töchter mit einer Zuchtstutenprüfung. Contender konnte in diesem Jahr mit 241 geprüften Töchtern Landgraf I überholen. Es folgen mit deutlichem Abstand Cor de la Bryère und Caretino mit ca. 170 Töchtern.
Die Übersicht mit den Zuchtwerten zeigt eine Liste der Holsteiner Hengste, die einen Gesamt-Zuchtwert von 120 Punkten und mehr haben sowie eine Mindestzahl an bewerteten Nachkommen aufweisen (15 bewertete Fohlen, zehn eingetragene Stuten und fünf Töchter mit Zuchtstutenprüfung). Der Gesamt-Zuchtwert setzt sich aus den Zuchtwerten für die Fohlenbeurteilung (10 %), Stutenbeurteilung (30 %) und Zuchtstutenprüfung (60 %) zusammen.
Gegenüber dem Vorjahr haben sich die Zuchtwerte der meisten Hengste nicht stark verändert. An der Spitze steht wiederum Aljano mit einem Gesamtzuchtwert von 136, es folgen Carpaccio und Lucky Champ mit jeweils 134 Punkten sowie Calypso I, Calypso II und Levisto alle drei Hengste mit einem Zuchtwert von 133. Ein paar jüngere Hengste, die 2006 erstmals in allen Bereichen die nötigen Nachkommenzahlen aufweisen, treten positiv mit hohen Zuchtwerten in Erscheinung. Dies sind Levisto, Paramount und Cash and Carry.
Den höchsten Zuchtwert für die Zuchtstutenprüfung weist immer noch der Hengst Calypso II (149) auf. Es folgen Lucky Champ (145), Cascadeur und Contendro I mit jeweils 142 Punkten sowie Caletto I, Cambridge und Carpaccio mit einem Zuchtwert von jeweils 141.
Unter den zehn Hengsten mit dem höchsten Zuchtwert in der Stutenbewertung sind drei Vollblüter. Den höchsten Zuchtwert aller Hengste weist der Hengst Painter´s Row xx mit 150 Punkten auf gefolgt von Aljano (144), Lavado (139) und an vierter Stelle der zweite Vollblüter Heraldik xx (136). Dann kommen Limbus (132) Levantos I (131), Esteban xx (130) sowie Askari, Lancer II und Quinar mit jeweils 129 Punkten.
Die Rangliste in der Fohlenbeurteilung führt der Hengst Limoncello II mit 144 Punkten an, der erst seit 2004 im Deckeinsatz ist. Es folgen die Hengste Barinello (141), Cash and Carry (140), Aljano (139), Lucky Champ (139), Carreno, Cento und Quidam de Revel mit einem Zuchtwert von jeweils 138, der Vollblüter Comefast xx (137) und der seit 2003 im Deckeinsatz stehende Chico’s Boy (136).
Bei einigen der oben genannten Hengste ist die Sicherheit der geschätzten Zuchtwerte wegen der wenigen Nachkommen noch gering, so dass bei der Zuchtwertschätzung im nächsten Jahr auch deutliche Änderungen möglich sind.
Die aktuellen Zuchtwerte der Holsteiner Hengste mit detaillierten Informationen zu den Einzelzuchtwerten und Nachkommenzahlen finden Sie auf der Internetseite der Landwirtschaftskammer unter www.lwksh.de (Fachinfo - Tierhaltung - Zuchtwerte Hengste).
Dr. Sibylle Reinecke,
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
Wer kennt das nicht: Sieger x Sieger = traumhafter Zuchterfolg oder enttäuschendes Mittelmaß?
Jeder Züchter hat schon feststellen müssen, dass sich sein Pferd nicht immer so vererbt, wie es dessen eigene Leistung erhoffen lässt. Woran liegt das?
Eine der Grundformeln in der Tierzucht besagt, dass sich die Leistung eines Tieres aus der gemeinsamen Wirkung von Genetik und Umwelt erklären lässt:
Messbare Leistung (Bewertung/Note) = Zuchtwert (Genotyp) + Umwelteinflüsse
Der Zuchtwert kann also nicht direkt am Pferd selbst gemessen werden. Messbar sind nur die nach außen hin sichtbaren Leistungen (Bewertungen, Noten, Stockmaß, ...), die zum einen durch die genetische Veranlagung (Genotyp, Zuchtwert) und zum anderen durch äußere Einflüsse (Aufzucht, Haltung, Fütterung, Reiter, Richtergremium, Bodenverhältnisse, Jahreszeit, usw.) bestimmt werden. Bei der BLUP-Zuchtwertschätzung mit dem sogenannten „Tiermodel“ wird versucht, die genetischen Effekte von den Umwelteffekten zu trennen, um so einen möglichst genauen Schätzwert für den „wahren“ Zuchtwert zu erhalten. Dazu werden sämtliche vorhandenen Leistungsdaten aller Pferde der Population unter Einbeziehung der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen Pferden ausgewertet.
Grundlage für die Zuchtwertschätzung sind also alle Leistungen, die die Pferde von den Eintragungs- und Bewertungskommissionen des Holsteiner Verbandes bei den Fohlenbeurteilungen und den Stutbuchaufnahmen oder von den Sachverständigen bei den Zuchtstutenprüfungen erhalten haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Fohlen prämiert wurde, ob eine Stute die Verbandsprämie erhalten oder einen gekörten Sohn hat. Merkmale, die nur an wenigen Pferden bewertet werden, können in der Zuchtwertschätzung nicht berücksichtigt werden. Eine derartige ungleichmäßige Verteilung ist statistisch nicht zufriedenstellend zu lösen und würde zu starken Verzerrungen führen. Optimal für die Zuchtwertschätzung ist es, wenn die Leistungen aller Pferde einer Population ohne jegliche Selektion zur Verfügung ständen, wie es z.B. bei der Fohlenbeurteilung der Fall ist.
Gefühlsmäßig werden Erfahrungen über Geschwister oder Nachkommen mit in die züchterische Entscheidung einbezogen. Aber ergibt das ein objektives Bild? Vielleicht sieht man gerade nur einige positive oder negative Einzelfälle.
Die eigene Leistung allein kann also noch nicht allzu viel über die voraussichtliche Vererbungsleistung aussagen. Das liegt zum einen daran, dass diese Leistung durch Umwelteffekte beeinflusst wird (siehe oben) und zum anderen liegt es daran, dass an der Ausprägung eines Leistungsmerkmals mehrere Gene beteiligt sind. Bei der Weitergabe an die Nachkommen werden diese Gene jedes Mal wieder zufällig verteilt. Und welcher Nachkomme welche Gene von seinen Eltern erhalten hat, lässt sich von außen leider nicht erkennen. Aber eben weil verwandte Pferde einen Teil ihres Erbgutes gemeinsam haben, werden in der Zuchtwertschätzung die Leistungsdaten von verwandten Tieren zur Schätzung des Zuchtwertes eines Pferdes mit herangezogen. Zum Zuchtwert einer Stute z.B. trägt nur zu einem kleinen Teil ihre eigene Leistung bei. Alle anderen verfügbaren Verwandtenleistungen (Bewertungen von Vater, Mutter, Nachkommen und anderen Nachkommen des Vaters und der Mutter, usw.) beeinflussen ebenfalls den Zuchtwert dieser Stute.
Bei der BLUP-Zuchtwertschätzung wird mit Hilfe komplexer mathematisch-statistischer Verfahren versucht, die äußeren Einflussfaktoren, die nicht genetisch bedingt sind, die sich aber auf die Leistung eines Pferdes auswirken können (Umwelteinflüsse), soweit wie möglich auszuschalten. Dies geschieht, in dem z.B. der Prüfungstermin bei der Zuchtstutenprüfung oder das Alter der Stute und das Eintragungsjahr bei der Stutbuchaufnahme in der Zuchtwertschätzung berücksichtigt werden. Das geht aber nur, wenn es genügend Pferde gibt, für die diese Effekte vorliegen. Mit einem einzelnen Pferd oder nur sehr wenigen Tieren ist keine Zuchtwertschätzung möglich!
Grundsätzlich wird bei der Zuchtwertschätzung ein Pferd mit seiner Leistung immer in einer Vergleichsgruppe mit anderen Pferden verglichen, in der unterstellt werden kann, dass alle Leistungen unter weitestgehend denselben Bedingungen erbracht wurden. Für die Höhe des Zuchtwertes ist deshalb auch das Niveau der Vergleichsgruppe entscheidend. Zum Beispiel kann eine Neun im Schritt zu höheren Zuchtwerten führen als eine Neun oder Zehn im Freispringen, weil im Schritt im allgemeinen sehr wenig Neunen und fast gar keine Zehnen vergeben werden; im Freispringen Neunen und Zehnen dagegen häufiger vorkommen. Mit einer Neun im Schritt hebt sich die Stute deutlicher von den anderen ab als z.B. mit einer Zehn im Freispringen.
Anders als die reinen Noten z. B. bei der Stuteneintragung, die vollkommen unabhängig von den Noten der anderen Pferde sind und ein Leben lang für diese Stute bestehen bleiben, kann sich der Zuchtwert ändern. Ein Zuchtwert ist als Abweichung vom Durchschnitt der Population definiert. Das heißt, dass der züchterische Wert eines Pferdes also immer im Verhältnis zu den anderen Pferden zu sehen ist. Schließlich sollten für die Weiterzucht immer die besten Tiere aus der Population ausgewählt werden. Weil ein Zuchtwert aber immer in Beziehung zu den anderen Pferden der Schätzpopulation geschätzt wurde, kann er auch nur in diesem Zusammenhang gelten. Zuchtwerte aus unterschiedlichen Zuchtwertschätzungen sind deshalb überhaupt nicht vergleichbar.
Der Zuchtwert ist keine absolute Größe, die für immer feststeht, sondern kann sich jedes Jahr ändern. Denn jedes Jahr kommen neue Bewertungen aus den Fohlenbeurteilungen, den Stuteneintragungen und den Zuchtstutenprüfungen hinzu. Deshalb liegt der Zuchtwertschätzung jedes Jahr eine andere Datenbasis zu Grunde, obwohl die Noten für ein- und dasselbe Pferd z. B. bei der Stuteneintragung natürlich dieselben geblieben sind,
Dabei ist es auch normal, dass sich die Zuchtwerte von älteren Tieren jedes Jahr um ein paar Punkte verringern. Denn wenn Zuchtfortschritt in der Population gemacht wird, sollten die jüngeren Pferde besser sein als die alten und die Leistungen der älteren Pferde werden im Vergleich zu den jüngeren relativ schlechter.
Die Übersichten zur Zuchtwertschätzung entnehmen Sie Sie bitte dem angehängten pdf.