Beim Deutschen Spring-Derby standen drei Reiter aus Mecklenburg-Vorpommern an der Spitze. Der Sieger Thomas Kleis saß auf einer Holsteiner Stute: Carassina
Am Ende strahlten alle: die drei Erstplatzierten des Deutschen Spring-Derbys Thomas Kleis, Matthias Granzow und André Thieme, die Sponsorenvertreter der LGT-Bank und von Tchibo sowie die Veranstalter Paul Schockemöhle und Volker Wulff. Prachtvolles Wetter hatte mehr als 25 000 Besucher in den Jenisch Park gelockt. „Wir müssen uns dringend etwas überlegen, denn die Zuschauerkapazitäten sind voll ausgeschöpft“, so Volker Wulff. Und ein hoch zufriedener Paul Schockemöhle sagte: „Ohne das Derby wäre der Springsport um einiges ärmer“, und er fügte hinzu: „So lange ich etwas zu sagen habe, wird die Prüfung seinen Platz in der Riders-Tour behalten.
Waren in den Qualifikationen noch 55 bzw. 48 Teilnehmer an den Start gegangen, so machten sich am Derby-Sonntag 31 Teilnehmer auf die Reise durch den schwersten Parcours der Welt. Darunter leider nur drei Reiter aus Schleswig-Holstein: Jörgen Köhlbrandt, Karl-Friedrich Matthiessen und Carsten-Otto Nagel. „Wenn sie ein passendes Derbypferd haben, bekommen sie auch eine Startberechtigung für Hamburg“, ermunterte Volker Wulff die Reiter aus dem Land zwischen den Meeren für das nächste Jahr. Zu denen, die am Sonntag nicht mehr dabei waren, zählte auch TCHIBO-Botschafter Ludger Beerbaum. Er hatte nach dem Ausfall seines gemeinten Derbypferdes, Enorm, Goldfever gesattelt. Der 18-jährige Hengst, der beim CHIO in Aachen vom Sport verabschiedet werden soll, weigerte sich in der zweiten Qualifikation allerdings partout vom großen Wall herunterzugehen. Nachdem es in den vergangenen Jahren doch mehr Null-Fehler-Ritte gegeben hatte, waren etliche Hindernisse des Kurses erhöht bzw. verbreitert worden. So z. B. die Planke hinter dem Wall, der Einsprung zu Pulvermanns Grab und der zehn Zentimeter breitere Buschoxer. 13 Reiter erreichten nicht das Ziel, darunter auch der als Geheimfavorit gehandelte William Funell, der mit Mondriaan u. a. zwei Mal Sieger des Hickstead Derbys gewesen war. Als Ehemann von Pippa Funnel, eine der erfolgreichsten englischen Vielseitigkeitsreiterinnnen, die u. a. den hoch dotierten Grand Slam Kentucky - Badminton - Burghley gewinnen konnte, sind Naturhindernisse dem Briten nicht unvertraut. Doch seine Reise scheiterte bereits an der Planke nach dem Wall nachdem Mondriaan völlig unpassend vom Wall gekommen war, dennoch los sprang und seinen Reiter verlor. Auch Rodrigo Pessoa hatte gehofft, mit Champ v. Chamonix-Coronado (Thomas Kuhrt, Schmalfeld) endlich ein passendes Derbypferd unter dem Sattel zu haben. Champ steht erst seit einigen Monaten in seinem Stall. Unter Anne Kursinski war er Reservepferd des amerikanischen Teams in Hongkong gewesen.
Der Buschoxer war fehlerträchtigste Stelle im Parcours, obgleich das Buschwerk deutlich niedriger gestopft als die Stangen war. Wahrscheinlich ging es den Reitern wie dem zweifachen Derbysieger André Thieme, der später sagte, er hätte einen Heidenrespekt vor dem Oxer gehabt und sei ihn deshalb schlecht angeritten. Die Distanz wurde für Nacorde riesengroß, und er schaffte die Weite nicht mehr. Dennoch freute sich der Vorjahressieger über seinen dritten Platz. Eine tolle Runde gelang auch dem erst 21-jährigen Hendrik Sosath mit dem Oldenburger Lordanos-Sohn Laokoon. Dem Braunen aus heimischer Zucht unterlief nur ein kleines Versehen am Einsprung von Pulvermanns Grab, was mit dem vierten Platz belohnt wurde. Hinzu kam auch der Stilpreis, den er aus den Händen von Gudrun Huck entgegennehmen durfte. „Es war das unglaublichste Erlebnis, das ich je hatte“, schwärmte Hendrik Sosath. „Im nächsten Jahr bin ich wieder dabei. Fast wäre es dem Derby-Debütanten gelungen, in die Phalanx der Mecklenburger einzubrechen. Diese waren einmal mehr top-vorbereitet nach Hamburg gekommen und wie gut der Zusammenhalt untereinander ist, zeigt die Tatsache, dass Holger Wulschner, der Derbysieger von 2000 - damals saß er im Sattel von Capriol - ein Pferd von Richard Robinson zur Verfügung gestellt bekam. Während dieser im Sattel des Derbyroutiniers Olli Pop ausschied, kam Holger Wulschner mit dem Contender-Lord Sohn Chaplin ins Ziel und wurde mit vier Abwürfen Zwölfter.
Diese Ausrutscher machten ihre „Landsmänner“ Matthias Granzow auf Antik und Thomas Kleis mit Carassina mehr als wett. Nachdem beide bereits im vergangenen Jahr ohne Fehler geblieben waren, kamen sie unter dem Jubel ihrer vielen Fans aus Mecklenburg erneut makellos ins Ziel. Dass Matthias Granzow das Stechen mit einem Abwurf „verbummelte“ und Thomas Kleis ganz in Ruhe seine letzte Runde reiten konnte, tat der guten Stimmung auf dem Derbyplatz keinen Abbruch. Dvp
Der Derbysieger:
Thomas Kleis
Thomas Kleis kann man durchaus als Derby-Routinier bezeichnen. Der gebürtige Gadebuscher ging in Hamburg zum fünften Mal an den Start, zum dritten Mal war er im Stechen dabei: 2007 wurde er mit Zetor Zweiter, 2008, ebenfalls mit Zetor Vierter, und jetzt hat er im Sattel von Carassina gewonnen. Die Concerto II-Stute war ihm bei einem Turnier in Gadebusch aufgefallen, wo sie unter Nisse Lüneburg am Start war. Anfang 2008 kam sie dann in seinen Stall. Udo M. Chestée, ein Hotelier aus Salzburg, der mit dem nahe Schwerin liegenden Schloss Wendorf (www.schlosshotelwendorf.com) ein weiteres Kleinod der Hotelszenerie in Mecklenburg-Vorpommern geschaffen hat, machte es möglich. „Carassina zeichnet sich durch ihr Temperament und ihren großen Ehrgeiz aus“, erzählt der Landesmeister Mecklenburg-Vorpommerns 2008. Rund 35 Pferde stehen auf der Anlage, 20 von ihnen stammen aus dem Land zwischen den Meeren. „Ich stehe einfach auf Holsteiner“, sagt Thomas Kleis, der immer wieder im Land unterwegs ist, um nach Fohlen zu suchen. Eigentlich war Cousteau - mit ihm belegte Thomas Kleis den zweiten Platz im Speed-Derby - für den Derby-Einsatz vorgesehen, aber „in den Qualifikationsspringen ging die Stute einfach besser“ erklärte der 31-Jährige. Eine richtige Entscheidung, wie es sich herausstellen sollte. „Der Sieg ist der absolute Höhepunkt meiner Karriere“ freute sich Thomas Kleis unmittelbar nach dem Derby.
Im Vorfeld war er nicht unbedingt von diesem Erfolg ausgegangen.
Ein Erfolg, der natürlich noch groß „befeiert“ wurde. Und wo? Auf Schloss Wendorf natürlich.
Mercedes-Benz Championat von Hamburg
Frauenpower nicht zu schlagen
Ein Stechen, das von Runde zu Runde rasanter und schließlich eine echte „Amazonenrunde“ wurde.
Im Mercedes-Benz-Championat von Hamburg ging nur knapp ein Achtel der angetretenen 53 Starter in die entscheidende Runde. Die blieb in weiblicher Hand: Die Weltranglistenerste Meredith Michaels-Beerbaum stand mit einem der schnellsten Pferde der Welt, dem Hannoveraner Checkmate, schließlich vorne.
Die 39-jährige gewann gleich zum Auftakt die „richtige“ Prüfung - immerhin ist die Weltcup-Siegerin Markenbotschafterin des Hauptsponsors Mercedes Benz. Unumwunden gab sie im Anschluss an ihren fulminanten Siegritt zu, den sie kurzfristig mit nur einem Steigbügel absolvierte und bei dem ihr 14-jähriger Wallach Checkmate sich nach dem fünften Sprung, einem Oxer, kurzerhand seinen eigenen Weg suchte: „Das hatte ich anders geplant, wollte eigentlich hinter dem Busch herumreiten - aber Checkmate hat selbst entschieden.“
Eine nagelneue Mercedes-Limousine hat die Spitzenreiterin (0/43.01) der rasant galoppierenden Schenefelder Amazone Janne-Friederike Meyer auf dem elfjährigen Cellagon Lambrasco v. Achill-Libero (ZG Bigeng, Borgwedel) vor der Nase weggeschnappt (0/44,89). Die 27-Jährige, die nach ihrem temporeichen Ritt erklärte, „ich habe mich nicht getraut, noch mehr Gas zu geben“, qualifizierte sich damit erstmals für eine „Runde“ der Global Champions Tour of Germany. „Das ist eine große Chance für mich,“ so Meyer, die Carsten-Otto Nagel (Wedel) und seine Corradina v. Corrado I-Sandro (Professor Hartwig Schmidt, Borsfleth) auf den dritten Rang verwies. „Ich bin hoch zufrieden, denn Corradina hat eine lange Pause gehabt,“ so der Pferdewirtschaftsmeister. Im Sattel von Chika´s Way v. Caretino-Lord (O.B. Schoof, Hedwigenkoog) musste Meyer in der GCT dann zwei Abwürfe hinnehmen (Rang 43). Lambrasco wurde für den Nationenpreis in Rom geschont (Rang zwölf im Großen Preis von Rom für das Paar). jem
Gesagt ist gesagt
Janne-Friederike Meyer in der Pressekonferenz nach dem von Meredith Michaels-Beerbaum gewonnenen Championat von Hamburg: „Als Carsten-Otto und ich in der Siegerehrung zusammenstanden (auf Platz zwei und drei, Anm. der Redaktion) haben wir gesagt: „Hoffentlich wird Meredith bald schwanger, damit wir auch mal eine Chance bekommen“.
Verletzt
Zwei streitende Hengste und ein Mensch dazwischen. Dass das in den seltensten Fällen gut geht bekam Marco Kutscher im Stall zu spüren. Er hatte bereits im Sattel von Cornet Obolensky gesessen, als Goldfever sich auf den Schimmel stürzte. Marco Kutscher musste unsanft zu Boden und kam mit einer ausgekugelten Schulter ins Krankenhaus.
Noch ein Whitaker
19-jähriger William gewinnt Preis der Deutsche Kreditbank AG
Er sitzt im Sattel wie ein zukünftiger Champion, hat einen Akzent wie Pop-Ikone Robbie Williams und einen Augenaufschlag, der seinen vor dem Pressezelt jubelnden Fans die Herzen höher schlagen ließ: Einer der jüngsten Derby-Starter, der 19-jährige William Whitaker (Nottingham), galoppierte auf dem zwölfjährigen Hessen Insul Tech Leonardo in der zweiten Derby-Qualifikation des 80sten Hamburger Derbys souverän zum Sieg. Leider fielen im Derbykurs dann vier Stangen.
Unprätentiös antwortet der junge Spross der Whitaker-Dynastie, Springreiter-Familie aus Großbritannien, auf die Fragen der Journalisten. Dritter wurde er 18-jährig bei seinem ersten Start im bekannten Derby von Hickstead, das er vom Schwierigkeitsgrad mit Klein Flottbek gleich setzte. 2006 wurde er Europameister bei den Junioren, im selben Jahr Zweiter im Großen Preis von Kiel. „Ich reite Leonardo seit ein paar Jahren, er ist im normalen Springparcours ebenso mutig wie im Derby, ein echtes Charakterpferd“, erzählt der Brite, der bei Onkel Michael Whitakter lebt, von ihm trainiert wird und seine Pferde reitet. Ein wenig erleichtert schien der auf den zweiten Platz verdrängte mecklenburgische Doppelsieger aus 2007 und 2008, André Thieme (Plau am See), der erneut seinen 14-jährigen KWPN-Hengst Nacorde gesattelt hatte. „Der Druck nimmt täglich zu“, verriet der 34-jährige Favorit auf das blaue Band, der sich zwei Tage vor dem entscheidenden Kurs bescheiden gab: „Ich habe mindestens fünf Pferde gesehen, die am Sonntag gut aussehen könnten.“ Jem
Ein Dithmarscher Paar im Derby
Karl-Friedrich Matthiessen und Percussion
Das Deutsche Spring Derby - einst war die Traditionsprüfung eine Domäne der Springreiter aus dem Land zwischen den Meeren. In diesem Jahr trauten sich nur drei Reiter in den schweren Parcours: Carsten-Otto Nagel, dessen Calle Cool nicht ganz bei der Sache schien, Jörgen Köhlbrand und Karl-Friedrich Matthiessen.
Der Dithmarscher saß auf der erst neunjährigen, selbst gezogenen Percussion v. Car-thago-Lord. „Percy“, wie die Stute zu Hause genannt wird, hatte ihre großen Möglichkeiten bereits bei den Weltmeisterschaften der jungen Pferde unter Beweis gestellt. „Schon damals hatte sie z. B. mit den großen Gräben keine Probleme“, erinnert sich ihr Reiter, der nach einer Woche noch ganz glücklich über seine Derby-Platzierung war. Vermögen hat die 1,78 m große Stute genug und „dazu die richtige Einstellung“, wie ihr Reiter weiß. Zum Üben der Derby-Hindernisse sind sie ein Mal zu Hergen Forkert nach Bremen gefahren.
Für Karl-Friedrich Matthiessen war es erst der zweite Derbystart. Mit dem Romino-Sohn Romano, der aus dem gleichen Stamm 1772 wie „Percy“ kam, hatte er vor 15 Jahren den 1250 m langen Kurs in Angriff genommen. Für Karl-Friedrich Matthiessen und Percussion, die zweijährig in den Besitz von Martina Strothmann wechselte, wird es in Breitenburg weitergehen. Denn erklärtes Ziel der Beiden in diesem Jahr ist das Finale der Springsportserie Holsteiner Masters 3plus1, präsentiert von Lotto Schleswig-Holstein, in der Sparkassen Arena Kiel.
Global Champion Tour
Chupa Chup am Schnellsten
Nahezu alles, was im Springsport Rang und Namen hat, war nach Hamburg gekommen, um Punkte für die Global Champions-Tour präsentiert von CNN World Wide zu sammeln. 18 Pferde waren im ersten Umlauf ohne Abwurf geblieben. „Das war wie das Zeitfahren in der Formel 1“ freute sich Parcourschef Frank Rothenberger, der dann in der zweiten Runde eine gehörige „Schippe“ drauflegte. Die Höhe und Breite der Hindernisse zollten ihren Tribut, es waren dann nur noch vier Pferde, die mit einer weißen Weste ins Ziel kamen. Nicht mehr mit dabei war der hervorragend springende Shutterfly, der mit einem Zeitfehler belastet wurde. „Er hatte im Parcours ein Eisen verloren, deshalb bin ich vorsichtiger geritten“, so seine Reiterin Meredith Michaels-Beerbaum. Auch ihr Schwager Ludger Beerbaum hatte im Umlauf mit Couleur Rubin der Zeit Tribut zollen müssen. Als 19. verpasste er den Einzug in die zweite Runde. Das Stechen eröffneten Chupa Chup v. Caretino und Bernardo Alves, der in Hongkong auch zu den Capsaicin-„Sündern“ gehört hatte. Der Brasilianer ließ den Braunen Strich gehen, verlor auch in den Wendungen keine Sekunde und kam ohne Fehler ins Ziel. „Ich wusste, dass ich schnell sein muss und bin genauso geritten, sonst hätte es nicht gereicht“, sagte der 34-Jährige. Das gelang nur noch der auf ihrem zweiten Saison-Turnier in bestechender Form gehenden Corradina, die lediglich zwei Zehntel langsamer war. Ihr Reiter Carsten-Otto Nagel machte nach dem Springen deutlich: „Unser Ziel sind in diesem Jahr die Europameisterschaften. Weitere Stationen der Global Champions Tour sind vorerst nicht eingeplant“. DvP
Chupa Chup
Sieger der Global Championstour
Den Ernst des Lebens hatte Chupa Chup bereits als Fohlen kennen lernen müssen. Sein Hinterteil war Ziel eines Angelhakens gewesen, die Narbe ist heute noch sichtbar. Anfang vierjährig wurde der Braune von Harm Sievers bei seinem Züchter Hinnerk Clausen entdeckt. „Ich mochte ihn, er war ein typischer Holsteiner“ erzählt Harm Sievers, der mit der von der Amerikanerin Lauren Hough gerittenen Naomi noch ein zweites von ihm ausgebildetes Pferd in der Hamburger Global Champions-Tour am Start hatte. „Er konnte gut galoppieren, und sein Freispringen war imponierend. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass er einmal in der Global Champions Tour starten wird.“ Zunächst ging Chupa Chup zu seinem Mitbesitzer Dr. Günter Friemel zur Grundausbildung nach Verden. Der heutige Verkaufsleiter des Hannoverschen Verbandes stellte ihn - zum Verdruss der dortigen Züchter - in Springpferdeprüfungen vor, und das, was Harm Sievers auf den ersten Videos sah überzeugte: „Chupa Chup war vorsichtig und offenbarte viel Vermögen.“ Ende fünfjährig wechselte der Braune zurück nach Tasdorf, um im darauf folgenden Jahr Springpferdeprüfungen Kl. L und M zu gewinnen und sich als krönenden Saisonabschluss bei der Baltic Horse Show im Holsteiner Masters Zukunftspreis zu platzieren. „Chupa Chup ist ein unglaubliches Charakterpferd“ schwämt Harm Sievers noch heute. Die Vollschwester von ihm, ebenfalls bis M platziert, steht heute als Zuchtstute in Tasdorf und ist tragend von Clarimo. Für den Cormint-Halbbruder steht - hoffentlich -
Anfang November der erste öffentliche Auftritt bevor: die Körung des Holsteiner Verbandes in Neumünster. DvP
Jörgen Köhlbrandt und Bonaparte
Platziert im Spring-Derby
„Man wächst in den Parcours hinein“ sagte ein optimistischer Jörgen Köhlbrandt einen Tag vor seinem großen Auftritt mit Bonaparte AA v. Benedict N AA-Radautz aus der Zucht von Christian Thoroe, Ahrenviöl, auf dem Derbyplatz, „in den Qualifikationen ging der Hengst bereits deutlich besser“. Und in der Tat: Zwei Versehen weniger als im vergangenen Jahr bedeuteten Rang zwölf in der Renommierprüfung des deutschen Springsports. Dass der im Januar beim Holsteiner Verband gekörte Bonaparte, mit 163 cm sicherlich eines der kleinsten Pferde im Starterfeld, so fit war, verdankt der Tiermedizinstudent seiner Mutter Anette und der Freundin seines Bruders, Eva Madsen, die den Schimmel auf das Derby mit ausgiebigem Konditionstraining auf die schwere Aufgabe vorbereitet hatten. Denn unter der Woche forscht und lernt Jörgen Köhlbrandt in Hannover. In den nächsten Monaten geht es allerdings in die USA: Er hat ein Forschungsstipendium von der berühmten Universität Cornell erhalten. Auf ländlichen Turnieren u. a. in Tasdorf, haben sich Jörgen Köhlbrandt und Bonaparte auf das Derby vorbereitet. Um noch einmal die Derby-typischen Hindernisse zu trainieren, sind sie nach Passin gefahren. „Wir waren aber nur einmal dort, da alles gut geklappt hat“, erzählt der 23-Jährige aus der bekannten Fehmaraner Reitsportdynastie. Am Sonntag war die Freude groß, dass es trotz der drei Versehen für eine Platzierung gereicht hat: „Platziert in der Derby- und Riders-Tour, das ist doch schon was...“, freute sich der Blondschopf.
Vetters, Koschel, Bimschas
Drei würdige Derby-Finalisten
„Unsere“ Reiterin, Alexandra Bimschas aus Boostedt, wäre eine würdige Trägerin des blauen Bandes gewesen. Christoph Koschel aus Hagen am Teutoburger Wald ritt jedoch im Derby-Finale mit Pferdewechsel - eine Spezialaufgabe, die dem Grand-Prix-Niveau entspricht - ausgerechnet das Pferd der amtierenden Landesmeisterin der Dressurreiter, den neunjährigen De Niro-Sohn Daquino, einen Tick harmonischer. Rangierung: Koschel vor Bimschas vor Jochen Vetters.
Im Derby-Finale mit Pferdewechsel verlor Alexandra Bimschas ihre Führung nach zwei Qualifikationen und musste Christoph Koschel knapp vorbei lassen. Nur 18 Punkte (0,333) Prozent trennten den Sohn des begehrten Dressurtrainers Jürgen Koschel von der Zweitplatzierten. Dennoch strahlten beide: „Wir haben uns gegenseitig unterstützt, Tipps für das Reiten der Pferde gegeben“, zeigte sich die 38-Jährige begeistert über die Kollegialität. Qualifiziert hatte sie sich mit dem zehnjährigen Hannoveraner Wito Corleone, mit dem sie 2008 13 Grand Prix-Prüfungen gewann. Da ihr Paradepferd aber in der folgenden Woche in Wiesbaden eingesetzt wurde, gönnte sie ihm am Finaltag eine Pause. Stolz war die Partnerin und Schülerin des renommierten Dressurausbilders Rainhard Nielsen, die zu guter letzt als erfolgreichste Dressurreiterin des Derbys ausgezeichnet wurde, auf ihren neunjährigen Daquino (elfter im Grand Prix): „Er hat alle Reiter gut aussehen lassen, war auf den Punkt vorbereitet.“ Dass Koschel ausgerechnet mit ihrem Hannoveraner Wallach punktete, betrübte sie nicht: „Daquino lag mir unheimlich, das war mein Pferd“, lobte Koschel den Braunen. Auf ein Pferd, das er aus dem Stall von Ulrich Kasselmann lieh, Neolit, hatte der 33-Jährige im Pferdewechsel-Finale gesetzt. Den hat der Mann, der zum ersten Mal beim Dressur-Derby dabei war und gleich gewann, das letzte Mal vor zwei Jahren geritten. Doch sein Qualifikations-Pferd, der elfjährige westfälische Fuchswallach Fantomas, kannte, so Koschel, nach erst drei Turnierstarts kein großes Stadion und sollte nicht überfordert werden: „Er kommt quasi von einer Koppel aus der Schweiz, stieg gleich auf Grand Prix-Niveau in den Sport ein.“
Der Drittplatzierte ist ein „mit meinem Pferd rundum zufriedener“ Jochen Vetters, Sieger der ersten Qualifikation (Grand Prix). Er hatte sich ursprünglich, wie er erzählt, „keine hohen Derbyziele gesteckt.“ Doch sein 15 Jahre alter Sachsen-Anhaltiner Fanano wurde bestes Pferd der Derby-Wertung und das, obwohl er erst wenige Wochen vor dem Derby nach einjähriger Pause auf die Dressurbühne zurückkehrte. Mit 73,056 Prozent legten die beiden das beste Einzelergebnis des Tages hin. Bereits in Redefin hatte sich der Pferdewirtschaftsmeister mit dem im Besitz seiner Frau stehenden Blüter-Typ nach eindrucksvollen Siegen im Grand Prix und im Grand Prix Special in Erinnerung gebracht. 2006 war Vetters das erste Mal in Klein Flottbek dabei, damals mit Fanano Dritter und einziger Teilnehmer mit über 70 Prozentpunkten. (Das ereichte dieses Jahr im Finale außer Fanano noch zwei Mal Daquino). Auch damals wurde Fanano Derbysieger.
Gefehlt haben einige Top-Reiter, beispielsweise Vorjahressiegerin Isabell Werth (Rheinberg), die in München startete. Derby-Chef Volker Wulff vermisste sie nicht: „Es waren genug gute Reiter da, die Leistungen waren sehr gut.“ Immerhin bevölkerten 4000 Zuschauer die Dressurtribünen am Sonntag.
Zum ersten Mal wurde das Deutsche Pony-Dressur-Derby ausgetragen, das laut Wulff fortan seinen Platz im Derby-Park behalten soll. Ursprünglicher Grund war der Ausfall des Turniers in Salzuflen. Geritten wurde auf L-Niveau, ein Pferdewechsel gehörte auch für die Youngster zum Programm. „Wir wollen den Nachwuchs zukünftig stärker fordern“, kündigte Wulff zusätzlich zu „infrastrukturellen“ Veränderungen im Viereck an.
Siegerin wurde die 16-jährige Lena Schütte aus Hesedorf bei Sittensen mit Campari W WE. Ihr gelang, wie wenige Wochen später bei den Norddeutschen Jugendmeisterschaften (siehe nächste Ausgabe), ein Start-Ziel-Sieg. Bereits in den beiden Qualifikationen hatte das Paar mit 70,46 beziehungsweise 71,66 Prozent die Nase vorn. Im Finale mit Ponywechsel der besten drei Paare aus der Qualifikation setzte sich Lena auch auf den Ponys ihrer beiden Konkurrentinnen Viktoria Braun und Lena Rom/BEL bestens in Szene und führte die Konkurrenz mit schlussendlich 70,42 Prozent an. Ihr siebenjähriger gekörter Dunkelfuchshengst von Champagner W, eins der Aushängeschilder des Sportförderprogrammes des Pferdestammbuches Weser-Ems, wurde als bestes Pony des Derbys ausgezeichnet. Jessica Bunjes